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Oldenburg

WILD UND ZART

Premiere von „Schläpfer/Jully” am Oldensburgischen Staatstheater



Das Konzept der Doppelabende bei der BallettCompagnie bleibt anregend. Diesmal vereinten mit Martin Schläpfer und Oldenburgs Chefchoreograf Antoine Jully zwei „alte Kollegen“ ihre Arbeiten zu einem kontrastreichen Ganzen.


  • Premiere von „Schläpfer/Jully” am Oldensburgischen Staatstheater: "Concertante" Foto © Martina Pipprich
  • Premiere von „Schläpfer/Jully” am Oldensburgischen Staatstheater: "Ramifications" Foto © Martina Pipprich
  • Premiere von „Schläpfer/Jully” am Oldensburgischen Staatstheater: "Quartz" Foto © Martina Pipprich
  • Premiere von „Schläpfer/Jully” am Oldensburgischen Staatstheater: "Begegnen ohne sich zu sehen" Foto © Martina Pipprich

Von Martina Burandt

Das Konzept der Doppelabende bei der BallettCompagnie Oldenburg bleibt anregend. Diese leben von der immer wieder neu zusammengestellten Idee der Doppelung - seien es unterschiedliche Tanzstile und Komponisten verschiedener Zeiten oder die unterschiedlichen choreografischen Ansätze zeitgenössischer Tanzrichtungen. Bei der zweiten Premiere in dieser Spielzeit teilten sich wieder zwei Choreografen den Abend. Diesmal vereinten mit Martin Schläpfer und Oldenburgs Chefchoreograf Antoine Jully zwei „alte Kollegen“ ihre Arbeiten zu einem kontrastreichen Ganzen.

Blau, grün, etwas braun und senffarben sind die eng am Körper liegenden Kostüme der neun TänzerInnen der Choreografie “Concertante“ von Antoine Jully (Bühne und Kostüme: Antoine Jully) im ersten Teil des Tanzabends. Zur Musik des ungarischen Komponisten György Kurtág (geb. 1926) lässt Jully seine Tänzerinnen und Tänzer Gespräche durch Bewegungen erzählen. Inspiriert wurde Jully durch die ursprüngliche Idee des Komponisten, ein „stammelndes Zwiegespräch zwischen zwei Soloinstrumenten“ zu schreiben. Zur daraus entstandene Musik für Violine, Viola und Orchester tanzt das Ensemble Rede und Antwort, agiert und reagiert. Einzelne finden zusammen und verlieren sich, diskutieren, streiten, einigen und lieben sich. Unglaublich vielseitig, direkt wie abstrakt, ist diese Choreografie, in der die TänzerInnen, mit zuweilen verblüffenden Ausdrücken, alle möglichen Wesensarten annehmen. Sind das Menschen, Reptilien, Vögel oder gar Pflanzen, die sich hier untereinander sowie zur Musik in Beziehung setzen? Das fragt man sich immer wieder.

Nach diesem bunten und lebendigen Auftakt, folgen die beiden Arbeiten von Martin Schläpfer. Der Schweizer Choreograf leitet seit 2009 das Ballett am Rhein Düsseldorf/Duisburg. Antoine Jully tanzte früher selbst in einer von Schläpfers Kompanien. Schläpfers Solo „Ramifications“ (Verästelung) aus dem Jahre 2005 tanzt in Oldenburg nun Nicol Omezzolli. Nach der gleichnamigen Komposition des Ungarn György Ligeti (1923-2006) wird in dieser Choreografie Raum und Bewegung von gegensätzlichen Polen erforscht. In dieser äußerst konzentrierten Arbeit verkörpert Nicol Omezzolli vom ersten Moment an auf der schlichten Bühne, im goldglimmernden Kleid, die Gegensätzlichkeiten unseres Seins – sei es ent- oder gespannt, bewegt oder still, weich oder hart. Zu Ligetis Komposition, die zuweilen an Alltagsgeräusche erinnert, sucht sie, tänzerisch getrieben, mal die Verbindung, mal den plötzlichen Ausbruch. Auffällig ist Omezzollis große Ausdruckskraft ohne aufgesetzte Pose. Damit vermittelt sie die Komposition auf eine Weise, welche die Zuschauer in eine höchst widersprüchliche wie reiche Innenwelt führt.

Ebenso berührend und ausdrucksstark zeigen sich Marié Shimada und Herick Moreira in Schläpfers Pas de deux „Quarz“ aus dem Jahre 2008 zu der Musik „Ghostyhead“ von Rickie Lee Jones, der albanischen Volksmusik "Ku Verove veren-o“ sowie „City of Quarz“ von Marianne Faithfull. Auch Marié Shimada beginnt den dritten Part des Abends zunächst in sich selbst versunken. Vorsichtig, fast zärtlich, entwickelt sie ihren Tanz, der immer wieder mit kleinen Alltagsbewegungen - wie ein Ertasten der Gelenke, das mechanische Reiben der Hände oder plötzliches Hüpfen - sanft gebrochen wird. Als einige Zeit später der Tänzer Herick Moreira dazu kommt, wird es nicht leicht für ihn, zu dieser nach innen gewandten Person vorzudringen. Als Duo zeigen sie wunderschöne Figuren zweier einsamer (Großstadt-)Wesen, die um Verbundenheit ringen, wobei sie oft an fremde Traumwesen erinnern. Wie das Auf und Ab, das Nah und Fern, das Spiel, der Kampf, die Verzweiflung im langen Zusammenleben eines Paares wirkt dieser wunderbar melancholische Beziehungstanz.

„Begegnungen ohne sich zu sehen“ von Antoine Jully zur 1. und 2. Sinfonie von Carl Philipp Emanuel Bach gibt nach den differenzierten Innenansichten Schläpfers die abschließende Außensicht auf die moderne Welt. Diese leichte, fröhlich-verspielte Choreografie mit dem gesamten Ensemble, die sehr auf Rhythmus und Dynamik setzt, zeigt uns ebenso das oft isolierte Nebeneinander moderner Großstadtmenschen, dazu aber auch das wilde Tempo unserer Zeit, wobei Jully ab und zu ein humorvolles Augenzwinkern einbaut. So betten die vor Energie sprühenden Arbeiten Jullys die Choreografien Martin Schläpfers wunderbar ein.

Veröffentlicht am 06.12.2016, von Gastautor in Homepage, Tanz im Text, Kritiken 2016/17

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