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Stuttgart

ZWISCHEN KUNST UND WAHNSINN

Eindrucksvolle Momente des Stuttgarter Tanzensembles Gauthier Dance



Licht und Schatten: Regina Brocke fängt in ihren scharf gestochenen und gezielt verschwommenen Fotografien den Charakter von Marco Goeckes "Nijinski", das er 2016 für Gauthier Dance schuf, kongenial ein.


  • Gauthier Dance Company Theaterhaus Stuttgart 2017 - Titelblatt Foto © Regina Brocke
  • Gauthier Dance Company Theaterhaus Stuttgart 2017 - Kalenderblatt Juni Foto © Regina Bocke
  • Gauthier Dance Company Theaterhaus Stuttgart 2017 - Kalenderblatt Dezember Foto © Regina Bocke

Von Sabine Kippenberg

Üblicherweise verbindet man mit Tanz in Stuttgart das Stuttgarter Ballett. Dass man in der baden-württembergischen Metropole neben dem renommierten klassischen Ballett inzwischen auch ein bedeutendes Ensemble des zeitgenössischen Tanzes findet, erstaunt vielleicht auf den ersten Blick. Doch bei näherer Betrachtung zeigt sich, dass eine enge Verbindung zwischen dem klassischen Ballettensemble des Opernhauses und Gauthier Dance am Theaterhaus Stuttgart von Eric Gauthier besteht.

Als ehemaliger Solotänzer des Stuttgarter Balletts und Choreograf hat der Kanadier im Jahr 2007 sein eigenes Tanzensemble gegründet, das sich dem zeitgenössischen, modernen Tanz widmet und sich überdies mit seinem Ensemble für soziale Projekte engagiert. Schon bald eroberte das technisch brillante und ausdrucksstarke Ensemble nicht nur das einheimische Publikum, auch national und international sorgte Gauthier Dance für Furore. Gauthiers Ziel, ein neues Publikum für den zeitgenössischen Tanz zu interessieren, hat er bereits erreicht. Seine originellen, humorvollen und anspruchsvollen Choreografien haben längst in das Repertoire berühmter Kompanien wie in das des Stuttgarter Balletts, des Staatsballetts Berlin, des Mariinski Ballett St. Petersburg Einzug gehalten. Bedeutende Auszeichnungen innerhalb kürzester Zeit folgten, wie der Deutsche Tanzpreis Zukunft 2011. Für die Saison 2012/13 wurde Eric Gauthier von der Zeitschrift tanz zwei Mal hintereinander als Tänzer der Jahres geehrt.

Nicht erst Marco Goecke, auch John Neumeier und viele andere Choreografen hat die charismatische Tänzerpersönlichkeit Nijinski und dessen Mythos zu außergewöhnlichen Interpretationen inspiriert.
Sicherlich als ein Meilenstein in der Entwicklung dieses Ensembles ist Marco Goeckes Produktion "Nijinski" zu betrachten, die das Leben des außergewöhnlichen Tänzers in den Blick nimmt. Anzumerken ist, dass zwar Nijinskis Leben chronologisch skizziert wird, im Vordergrund jedoch Nijinskis Gemütsverfassung mit seinen Höhen und Tiefen und die (für ihn) bedeutenden Persönlichkeiten stehen. Trotz des gegenseitigen ambivalenten Verhältnisses gehörte zweifellos der einflussreiche Choreograf Diaghilew in Nijinskis Leben.

In ihren Fotografien macht Brocke deutlich, wie gezielt sie ihre Stilmittel einsetzte, um die Vielschichtigkeit der Persönlichkeit des Impresario und Mäzen Diaghilew im wahrsten Sinne zu beleuchten. Es ist kein Zufall, dass Diaghilew, der auch die Ballets Russes im Ausland bekannt machte, mehrfach im Kalender zu sehen ist; so beispielsweise auf dem Kalenderblatt April, wo Nijinski vom Impresario Diaghilew massiv unter Druck gesetzt wird. Den Kontrast dazu bildet das Februar-Kalenderblatt mit der Begegnung Diaghilews mit Terpsichore. Daß Frauen in Nijinskis Leben eine bedeutende Rolle gespielt haben (z.B. seine Mutter und seine Ehefrau Romola) wird uns vor Augen geführt, ebenso die russischen Ballette, Petruschka, das in Rom, Paris und London gefeiert wurde (s. Titelfoto).

Dass die Schizophrenie, gegen die Nijinski unermüdlich ankämpfte, erbarmungslos die Karriere und das Leben des Tänzers zerstörte, ist bittere Realität (Fotografie Kalenderblatt Mai). So unterschiedlich die Lebenssituationen und Gemütszustände Nijinskis waren, so klar und überzeugend ist das Licht- und Schattenspiel, mit dem die Fotografin die tänzerischen Bewegungen festgehalten hat: Die scharf gestochenen Bilder einerseits und die gezielt verschwommenen Fotoaufnahmen andererseits unterstreichen kongenial den Charakter von Goeckes Choreografie.

Wer die Nijinski-Vorstellung nicht erlebt hat, kann anhand des Kalenders sich ein Bild von der Uraufführung "Nijinski" machen und sich so der Tänzerpersönlichkeit Nijinski annähern. Der Kalender bietet auch die Gelegenheit, sich allgemein mit der Thematik Kunst und Wahnsinn auseinanderzusetzen, in das Oeuvre Goeckes einzutauchen und sich von der anspruchsvollen, präzisen wie ausdrucksstarken Arbeit der Company zu überzeugen. Großes Lob gilt daher dem Tanzensemble Gauthier Dance und der Fotografin Regina Brocke, die für uns die tänzerischen Momente eingefangen und im besten Sinne konserviert hat.

Der Kalender (30x30 cm) ist als Eigenproduktion des Theaterhauses Stuttgart an der Theaterhauskasse für 8,00 Euro erhältlich.

Veröffentlicht am 28.11.2016, von Gastautor in Homepage, Tanzmedien

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