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Kiel

RUNDUM GELUNGEN

„Coppélia“ in der Choreografie von Yaroslav Ivanenko beim Ballett Kiel



Coppélia ist bei Ivanenko kein süßliches Püppchen, sondern eine flotte Biene mit diktatorischen Ambitionen. Einmal von Coppélius zum Leben erweckt, lässt sie die Puppen tanzen – im wahrsten Sinne des Wortes.


  • "Coppélia" von Yaroslav Ivanenko; Marina Kadyrkulova und Martin Anderson Foto © Olaf Struck
  • "Coppélia" von Yaroslav Ivanenko; Martin Anderson und Ensemble Foto © Olaf Struck
  • "Coppélia" von Yaroslav Ivanenko; Marina Kadyrkulova und Momoko Tanaka Foto © Olaf Struck
  • "Coppélia" von Yaroslav Ivanenko; Martin Anderson, Momoko Tanaka und Shori Yamamoto Foto © Olaf Struck
  • "Coppélia" von Yaroslav Ivanenko; Shori Yamamoto und Ensemble Foto © Olaf Struck
  • "Coppélia" von Yaroslav Ivanenko; Shori Yamamoto und Marina Kadyrkulova Foto © Olaf Struck

Seit fünf Jahren schon leitet Yaroslav Ivanenko zusammen mit Heather Jurgensen das Ballett Kiel und hat seither in jeder Spielzeit Neuinterpretationen bekannter Klassiker vorgelegt, darunter „Der Nussknacker“ (2011/12), „Schwanensee“ (2013/14), „Romeo und Julia“ (2014/15). In diesem Jahr nun „Coppélia“. Und wer jetzt gedacht hat, das sei doch ein überholtes Kindermärchen, gähnend langweilig, der wird hier eines Besseren belehrt.

Yaroslav Ivanenko poliert „Coppélia“ zu einem höchst amüsanten und gleichzeitig mit der richtigen Dosis Nachdenklichkeit versehenen Zweiakter, der auf jegliche Effekthascherei verzichtet und Alt und Jung gleichermaßen erfreut. Das gelingt nicht zuletzt deshalb so gut, weil Ivanenko die Handlung entstaubt, gestrafft und die Musik von Léo Délibes neu arrangiert hat. Offenbar waren auch die Musiker von diesem neuen Konzept begeistert – das Philharmonische Orchester Kiel spielte bestens gelaunt unter der souveränen Führung von Moritz Caffier.

Coppélia ist bei Ivanenko kein süßliches Püppchen, sondern eine flotte Biene mit diktatorischen Ambitionen. Einmal von Coppélius zum Leben erweckt, lässt sie die Puppen tanzen – im wahrsten Sinne des Wortes: Alles hört auf ihr Kommando. Sie ist es, die Franz durch ihre Schönheit ins Haus lockt und in den Bastelkeller von Coppélius, wo sie Franz zu dessen Entsetzen entschlossen an die Wäsche geht. Als er sich ihrem Heiratsansinnen hartnäckig verweigert, klebt sie ihn kurzerhand an einem Stuhl fest – ebenso wie sie es zuvor mit Coppélius tat, der sich ihr widersetzt hatte. Coppélius ist bei Ivanenko kein alter Tattergreis, sondern ein verschrobener Nerd, der in seinem Keller allerlei Plunder sammelt. Großartig das Bühnenbild in zwei Ebenen von Norbert Ziermann mit schlichten, drehbaren Hausfassaden für die Straßen- und die Innenseite, sowie einem Keller in der Unterbühne, die bei Bedarf hochgefahren wird.

Natürlich kommt trotz aller Widernisse alles zu einem guten Ende, dank Swanilda (Franz’ Verlobter), die ihren verschwundenen Liebhaber sucht und schließlich auch findet, um ihn umgehend mit Coppélius zusammen zu befreien. Diesen jedoch fängt sich Coppélia dank ihres gekonnten Augenaufschlags und zuckersüßer Kusshändchen sogleich wieder ein – welcher Mann könnte da widerstehen?!

Es ist diese freche, dynamische Neuinterpretation mit den beiden Frauen im Mittelpunkt, die dem ganzen Stück Schwung und Stil gibt. Da ist nichts Überflüssiges, nichts, was Langeweile aufkommen lassen könnte. Perfekt auch die Kostüme: Heiko Mönnich zeigt hier, wie eine maßgeschneiderte Ausstattung die Intention eines Stücks stilistisch unterstreichen kann. Genial seine Idee, die Puppen wie Aliens zu verkleiden – mit Gesichtsmasken und in monotonen Sandfarbtönen.

Und dann die Tänzer! Allen voran Marina Kadyrkulova in der Titelrolle und Momoko Tanaka als Swanilda – mit blitzsauberer Technik und hoher Musikalität. Ihnen zur Seite nicht minder eindrucksvoll Martin Anderson als wunderbar verschrobener Coppélius und Shori Yamamoto als flotter Franz. Aber auch das ganze Ensemble glänzt mit großer Spielfreude und Akkuratesse – was umso mehr hervorzuheben ist, als Ivanenko seinen TänzerInnen schwierige und temporeiche Ensemblechoreografien verpasst hat. Diese Brillanz im Auftritt ist nicht zuletzt das Verdienst der Kieler Stellvertretenden Ballettdirektorin und Ballettmeisterin Heather Jurgensen, langjährige Erste Solistin im Hamburg Ballett, die hier offenbar all ihre Erfahrung, aber auch all ihre Liebe und Hingabe an den Tanz eingebracht hat. Eine Saat, die hier aufs Feinste aufgeht.

Weitere Vorstellungen am 13.11., 24.11., 9.12. sowie im Januar, Februar und März 2017

Veröffentlicht am 07.11.2016, von Annette Bopp in Homepage, Kritiken 2016/17

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