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Heidelberg

TANZ MIT ELASTISCHEN GRENZEN

Nora Abdel Rahman im Gespräch mit der Choreografin Catherine Guerin



Die Arbeiten der amerikanischen Künstlerin sind oft von Sprache und Stimme motiviert. Was bedeutet das für den Tanz?


  • "DADA WAR DA BEVOR DADA DA WAR" mit Catherine Guerin, Helga-Carola Wolf, Paul Brands, Brigitte Becker, Dorothea Paschen und Bernhard Fauser Foto © UnterwegsTheater

In Heidelberg lebt und arbeitet die Choreografin, Tänzerin und Pädagogin Catherine Guerin. Ihre Arbeiten sind von Sprache und Stimme motiviert. Mit dem Heidelberger Unterwegstheater wird sie am 26. und 27. Oktober in "DADA WAR DA BEVOR DADA DA WAR" ihre Sprachkünste zusammen mit dem Team aus Tänzern, Musikern und Schauspielern in Szene setzen. Was die in New York geborene Künstlerin unter Choreografie versteht und wie sie zu ihren Themen findet, erklärt sie im Gespräch.

Wie siehst Du das Verhältnis zwischen Choreografie und Sprache?

Mal bewegend, spielerisch und musikalisch; mal vertraut und fremd; mal eindringlich und auch mal merkwürdig. Ich denke, eine Choreografie ist eine Struktur oder ein Rahmen. Darin kann sich viel mehr als nur der Tanz ereignen. Sprache etwa kann als eine ebenso offene Struktur eingesetzt werden.

Kann der Text - ein Satz oder ein Wort - den Spielraum des Tanzes erweitern?

Ja. Auf jeden Fall, hoffe ich. Und genau so kann dieser Spielraum mit Wörtern einschränkend sein. Wie Du schon sagtest: Es ist ein Verhältnis. Ich finde, es ist ein Verhältnis in Bewegung. Die Grenzen sind elastisch. Ich stelle mir etwa die Frage: Choreografiert jemand nur mit den Tanzschritten eines Tänzers? Oder lassen sich im choreografischen Denkprozess neue Sprachräume eröffnen?

In "Shadow Box", einem Stück für das Festival Freier Tanz im Delta VI, hast Du zusammen mit der Anthropologin Ricarda Walter gearbeitet. Am Anfang von "Shadow Box" sieht man auf weißer Leinwand ein Schattenspiel. Später verdeckst Du es mit einem schwarzen Vorhang und die Bühne wird zur Box. Dann beginnst Du ein Wortspiel, das mit dem Begriff Angst startet: Angst ohne Hasen, Gesicht ohne Maske, Monat ohne Gage usw. Mit dem Sprachspiel kannst Du die Dramatik komplett verändern. Es kommt mehr Leichtigkeit in die Performance. Siehst Du das auch so?

Ich höre die Leichtigkeit vor allem, wenn das Publikum lacht…. Da ich in "Shadow Box" mit etwas Dunklem unterwegs war, passen für mich Witz und Ironie gut dazu. Vielleicht kann man sagen: leicht ohne Sinn und schwer ohne Gewicht. Ich denke, ich habe die Szene in der Art und Weise bespielt.

Später tanzt Du gegen Deinen Schatten. Auf der Soundspur läuft ein Text über Widerstand. Lässt sich mit Sprache besser gegen Widerstände arbeiten?

Widerstände und Einschränkungen können hilfreich sein. Der Körper selbst ist immer ein Widerstand. Wie wollen wir diesen Widerstand gestalten? Inwiefern sind wir von ihm geformt? Da mein Körper in der Schwerkraft existiert, habe ich auch immer einen realen physikalischen Widerstand, mit dem ich umgehe oder gegen den ich mich richten kann. Diese 'Schwerkraft' kann nur in meinem Widerstand sichtbar gemacht werden. Ein Art Dialog entsteht zwischen dem Sichtbaren und dem, was ungesehen bleibt.

Dann gilt das, was Du über Widerstände erzählst, auch für den Raum?

Ich versuche, im Raum jeden Moment präsent zu bleiben. Das ist die Herausforderung einer jeden Performerin. Da muss ich auch Widerständen begegnen. Ich möchte weglaufen oder habe Angst. Der Raum hat außerdem seine eigene Präsenz. Er ist mein Partner, er zieht mich an, unterstützt mich und fordert mich heraus. Die Box ist genau so ein Gegenstand mit Präsenz.

Das erinnert mich an Sigmund Freuds Text "Das Motiv der Kästchenwahl" (1913) - was verbirgt sich hinter den Schleiern oder seine Verbindung von Stummsein und Tod?

So eine Box hat auch mit Erwartungen zu tun. Sie birgt Geheimnisse und hat eine gewisse Anziehungskraft. Was ist darin versteckt? Vielleicht nichts. Was bewirkt das 'Öffnen' auf mich? Bin ich enttäuscht oder überrascht, wenn ich ihren Inhalt erfahre? Vorhang auf oder zu, eine Sicht oder Einsicht. Die Wörter fangen an, mit mir zu spielen. Wir sind nicht immer eins.

In dem Heidelberger Projekt "openStage" von Jai Gonzales improvisieren die teilnehmenden Künstler im Moment der Aufführung. Es gibt nur wenige Absprachen unter den Künstlern und das meiste entsteht spontan auf der Bühne. Wie erlebst Du dieses Format?

Was mir an diesem Format sehr viel Freude macht, ist seine Offenheit. Sowohl für die Performer wie für das Publikum. Es herrscht eine sehr entspannte, aber gleichzeitig konzentrierte Atmosphäre. Wir sind sechs oder sieben Künstler aus verschiedenen Sparten und probieren miteinander Ideen aus. Ohne Angst vorm Scheitern, und ohne unbedingt sofort gefallen zu müssen.

Deine Textpassagen setzen hier im Verhältnis zum Tanz starke Akzente. Während sich der Tanz eher als visuelles Phänomen vor den Augen abspielt, zielen die Wörter stärker auf den Intellekt. Sätze wie "the music speaks to your mind - your body is a glass container - don't worry, swallow it" erhalten auch durch Deine Stimme und Betonung eine spezielle Qualität. Wie kommst Du zu den Wörtern? Mit welchen Texten arbeitest Du?

Die Wörter haben etwas scheinbar Konkretes an sich. Wir denken, sie deuten auf etwas hin. Damit können wir spielen. Aber nicht, was ausgesagt werden soll, ist wichtig, sondern was in Wirklichkeit entsteht: etwa Bewegung und Stille. Das wird zum eigentlichen Zentrum der schöpferischen Aktivität: Bewegung und was dazwischen resoniert. Stimmen, Wörter, Schweigen. Alles tanzt. Oder mit Friedrich Nietzsche gesprochen: "Tanzen-können mit den Füssen, mit den Begriffen, mit den Worten". Diese Vorstellung wirkt sehr befreiend auf mich. Es geht aber weniger darum, den Wörtern komplett freien Lauf zu lassen, als sie vielmehr in ihrer Reichweite zu erleben.

Wie kann man sich das im konkreten Fall bei "openStage" vorstellen?

Manchmal bringe ich selbst geschriebenes Material zum Ausprobieren mit. Wie es weiter geht, hängt zum großen Teil von der Situation zwischen meinen Mitspielern und mir und dem Publikum ab. So bleibt es immer überraschend. Das Geschriebene ändert sich während der gesprochenen Situation. Meistens kommt es anders als geplant. Vielleicht erzähle ich spontan eine Geschichte oder einen Haufen Lügen. Ich versuche mich auf das, was schon da ist zu beziehen: der Raum oder eine gerade auftauchende menschliche Situation. Etwas Gesprochenes kann sich schnell ins Gesungene wandeln. (Es sind immer Musiker dabei.) Andererseits spreche ich Lyrics aus Pop Songs. Auch das Spiel mit Übersetzungen ins Deutsche macht Spaß. Schnelle Wechsel zwischen den Sprachen Englisch und Deutsch. Ich versuche das Publikum mit ins Denken einzubeziehen und frage mich, wie weit reicht das Spiel?

In der letzten "openStage" ging es um den Dichter Ossip Mandelstam. Ihr hattet also schon eine Textsammlung für die Improvisation als Ausgangsmaterial. Du hast bei dem Projekt auch Zeilen aus Gedichten von Mandelstam zitiert. Wie lässt sich Dichtung performen?

Das war das erste Mal, das wir ein explizites Thema hatten. Ossip Mandelstam und seine Frau Nadeshda. Was mache ich mit einem eigenen Text neben den Mandelstams? Diese Frage hat mich neugierig gemacht. Vor allem Mandelstams Schaffensprozess. Scheinbar schrieb er selbst nicht viel auf Papier. Er komponierte eher aus dem Klang heraus. Von der Stimme her beim Spazieren gehen. Er formte Wörter aus der Luft, während er hin und her ging. Das klingt sehr tänzerisch. Der Dichter, der in seinen Wörtern wandelt.

Veröffentlicht am 25.10.2016, von Nora Abdel Rahman in Homepage, Leute

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