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Berlin

WER EINMAL EINEN WALZER SELBST GETANZT HAT SPIELT IHN ANDERS

Marion Heinrich im Gespräch mit Andreas Boyde



Der Pianist Andreas Boyde gab an der Staatlichen Ballettschule in Berlin einen etwas anderen Tanzworkshop. Diesmal ging es um die Bewegung in der Musik.


  • Schülerinnen und Schüler der Staatlichen Ballettschule Berlin nach dem Workshop von Steinway Artist Andreas Boyde (Mitte rechts), neben Prof. Dr. Ralf Stabel, Direktor der Staatlichen Ballettschule Berlin. Foto © Eileen Meyer

Von Marion Heinrich

Am 24. Juni erwartete die Staatliche Ballettschule Berlin einen besonderen Gast. Der international hoch geschätzte Steinway Artist Andreas Boyde lud die angehenden Tänzerinnen und Tänzer zu einem Workshop ein. Er stellte Robert Schumanns „Carnaval op. 9“ vor. Eine elegante Verknüpfung von Werkhistorie, Biografie und Musik. Zum Ausklang des Tages gab der Pianist zudem ein Sonderkonzert für die Schüler, Pädagogen, Korrepetitoren und für den Freundeskreis der Staatlichen Ballettschule Berlin mit Werken von Beethoven, Brahms, Schumann und Schönberg. Das Publikum war begeistert.


Wie kommt ein Pianist auf die Idee in der Staatlichen Ballettschule Berlin einen Workshop durchzuführen?

Initiator war eigentlich der Direktor der Staatlichen Ballettschule Berlin, Ralf Stabel. Wir haben uns kennengelernt und er zeigte mir seine Schule. Dabei sprachen wir eher zufällig über Schumanns „Carnaval“, der durchaus in der Ballettwelt eine Rolle spielt. Die „Ballets Russes“ haben eine Produktion vor über einhundert Jahren mit einer Choreografie von Michel Fokine auf der Bühne präsentiert, die bis heute läuft. Und vielleicht ist es ja auch die Tatsache, dass Musik in der tänzerischen Ausbildung eine große Rolle spielt. Es ist gut, wenn Tänzer und künftige Choreografen sich mit den der Musik innewohnenden Bewegungsabläufen vertraut machen.

Sind Sie selbst ein guter Tänzer?

Das wäre schön. Es wäre sehr vermessen, wenn ich behaupten würde, ich könne gut tanzen. Aber ich habe eine große Affinität zum Tanz. Ich bin mit Ballett seit vielen Jahren relativ gut vertraut. Ich finde es für Musiker auch enorm wichtig, wenn sie tänzerische Bewegungsabläufe begreifen. Wenn man als Musiker mal einen Walzer getanzt hat, spielt man ihn anders, weil einfach der Rhythmus ein ganz anderer ist.

Können Sie das etwas näher erklären?

Ja. Nehmen Sie nur mal einen ganz einfachen Walzer. Er lebt von Drehungen. Und für eine Drehung braucht man etwas Zeit. Wenn man einmal weiß, wo dieser Zeitpunkt genau ist, dann spielt man ihn auch nicht mehr gerade aus, sondern muss eben diesen kleinen Schlenker rhythmisch einbauen. Aber das macht ja auch das Spiel so reizvoll. Genauso liegt es mir am Herzen, dass zukünftige Choreografen musikalisch choreografieren. In der Musik sind oftmals schon Bewegungsabläufe enthalten, die man beachten muss und eben auch als tänzerische Bewegung umsetzen oder aufnehmen sollte.

Sie meinen, es herrscht noch zu sehr Spartendenken bei Choreografen und Musikern vor?

Richtig, und ich möchte dazu beitragen, dass wir das überwinden, auch mit diesem Workshop.

Workshop heißt in diesem Fall, dass Sie Ihren musikalischen Vortrag mit Anekdoten zur Entstehung des „Carnaval“ den Schülerinnen und Schülern der Staatlichen Ballettschule vermitteln?

Genau, normalerweise sitze ich auf großen Bühnen, ich spreche nicht, ich spiele. Aber es ist natürlich auch reizvoll, ein Werk den jungen Leuten auf diese Weise näherzubringen. Ich kann mich erinnern, ich war selbst als Schüler in einem Konzert, wo der große Herbert Blomstedt mit der Staatskapelle Dresden das „Heldenleben“ von Richard Strauss vorgestellt hat. Das war unglaublich und ich habe durch die Erklärungen von Blomstedt so viel begriffen. Und man entwickelt dadurch natürlich auch ein anderes Verhältnis zum Werk. Ich habe diese Art Workshops schon häufig durchgeführt, besonders im englischsprachigen Raum, in Großbritannien und in den Vereinigten Staaten. Und das hat mir und auch meinem Publikum immer großen Spaß gemacht. Es ist schon vorgekommen, dass Schulen mehrfach in meine Klavierabende gekommen sind. Schüler, die vorher vielleicht gar nicht so ein inniges Verhältnis zu Musik hatten, erfuhren offenbar dadurch ein Aha-Erlebnis. Das ist für mich immer wieder schön zu erleben und ergreifend.

Warum haben Sie Schumanns „Carnaval op. 9“ für diesen Workshop ausgewählt?

Dieses Stück, das 1834/35 in wahrem ‚Kompositionsfeuer’ entstand, erzählt von Schumanns Zerrissenheit und Leidenschaft, sich zwischen zwei Frauen stehend, entscheiden zu müssen. Eine Situation, die auch die Jungen und Mädchen von heute kennen und die sie berührt. Ich versuche meinem Publikum amüsant den Rahmen des Werkes näher zu bringen, in dem diese Entscheidung getroffen wird. Denn das wachsende Interesse Schumanns an Clara Wieck, trotz seiner heimlichen Verlobung mit Ernestine von Fricken, spiegelt sich in einem venezianischen Maskenfest wider. Zwischen zwei Frauengestalten stehend, entscheidet er sich in leidenschaftlichem Kampf für die Tochter seines Lehrers Friedrich Wieck. Und wie wir wissen, wird diese Beziehung eine der ganz großen Lieben, wenn nicht die Liebesgeschichte des 19. Jahrhunderts.

Veröffentlicht am 25.06.2016, von Gastautor in Homepage, Leute

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Kommentare zu "Wer einmal einen Walzer selbst getanzt hat sp ..."



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