„Shostakovich“ von Alonzo King

„Shostakovich“ von Alonzo King

Eigene Fantasie und fremde Träume

Das „Alonzo King Lines Ballet“ im Ludwigshafener Pfalzbau

Seit 30 Jahren geht Alonzo King mit seiner Kompanie aus San Francisco unbeirrt eigene Wege.

Ludwigshafen, 13/05/2016
Zwei prominente zeitgenössische Ballettkompanien aus den USA gastierten innerhalb einer knappen Woche in Ludwigshafen und demonstrierten, in welche Richtungen sich die Spitzentanzzunft jenseits des großen Teichs entwickelt: auf jeden Fall weit weg von der Repertoirepflege der klassischen Moderne und dem standardisierten Bewegungsmaterial hin zu viel mehr experimenteller Freiheit. Dabei sucht „Hubbard Street Dance“ aus Chicago konsequent europäische Standards, während der künstlerische Leiter des nach ihm benannten „Alonzo King Lines Ballet“ aus San Francisco unbeirrt eigene Wege geht – seit über 30 Jahren.

Bekannt ist er für einen einfallsreichen Mix aus klassisch-akademischem Tanz und kreativen Bewegungs(er)findungen – und für die konsequente Zusammenarbeit mit Künstlern aus anderen Bereichen. In seinem 30-Minuten-Stück „Shostakovich“ (zu Musik aus dessen Streichquartetten) scheinen sechs Tänzerinnen auf Spitzenschuhen den Tanzboden kurz und klein zu hacken, während sechs Tänzer unterschwellige Spannung verbreiten. Immer entlang der hoch emotionalen Musik bindet King dramatische, weit ausufernde, physisch hoch anspruchsvolle Bewegungen in die standardisierte Tanzsprache mit ein. Mal rennen die Tänzer auf der Stelle, mal suchen sie in einer Reihe von Duos rare Glücksmomente, die immer vom Kippen bedroht scheinen.

Nach diesem generellen Prinzip und doch ganz anders funktionierte das zweite Stück des Abends. „Rasa“ (2007) liegt eine höchst ungewöhnliche Musik zugrunde, nordindische Tabla-Musik in einer Komposition von Zakir Hussain. Die stark von rhythmischen Handtrommeln und Stimmen geprägte Musik entwickelt einen hypnotischen Sog, dem die zwölf Lines-TänzerInnen nach und nach erliegen. Ihre Bewegungen werden einerseits ursprünglicher, andererseits fremder und ritueller. Ballettfiguren blitzen dazwischen fast überraschend auf, wie eine kurze Vergewisserung der eigenen Identität. Auch in diesem Stück spielen starke Duos eine tragende Rolle. Tanz und Musik entwickeln 45 Minuten lang Trancequalität, vom Publikum begeistert quittiert.

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