„Antes“ von Guilherme Botelho. Tanz: Compagnie Alias

„Antes“ von Guilherme Botelho. Tanz: Compagnie Alias

Körper pur – gibt’s das?

Tanzbiennale Heidelberg: Die Compagnie Alias zeigt „Antes“ von Guilherme Botelho

Drei Voraussetzung sind nötig, damit Bewegung überhaupt stattfinden kann: Energie, ein Bewegungsplan und ausführende Körper. Auf letztere erlaubt die Aufführung eine gnadenlose Schau.

Heidelberg, 28/01/2016

„Distancia“ hat der brasilianische Choreograf Guilherme Botelho – mit seiner Compagnie Alias in Genf angesiedelt – seine Trilogie genannt, deren letzter Part „Antes“ bei der Tanzbiennale in Heidelberg seine Deutschlandpremiere erlebte. Der Übertitel ist Programm: Mit kühlem, distanziertem Blick untersucht der Choreograf in „Antes“ („Früher“) den Ursprung von Bewegung – und damit den Ursprung von Leben.

Drei Voraussetzung sind nötig, damit Bewegung überhaupt stattfinden kann: Energie, ein Bewegungsplan und ausführende Körper. Auf letztere erlaubt die Aufführung eine gnadenlose Schau: Die zwölf TänzerInnen sind während der gesamten Vorstellung nackt, und am Ende kennt das Publikum – ob es will oder nicht – jede individuelle Ausformung der Körperproportionen, der Gliedmaßen und sekundären Geschlechtsmerkmale; jede Falte, jede Rötung der Haut und jedes Schweißrinnsal.

Den Bewegungsplan liefert die Evolution. Anfangs liegen die Tänzer rücklings auf dem Boden, und es beginnt eine Lehreinheit in funktionaler Anatomie: Die Energie wird über den Atem regelrecht in die Körper hineingepresst, weitet den Brustkorb oder den Bauchraum, lässt die Rippen auseinandergleiten, die Rippenbögen wie scharfe Kanten emporstehen und sich – beinahe – zusammenschließen. Getragen wird das Atmen vom elektronischen Soundteppich des mexikanischen Musikers Murcof, der zwischen sanften Naturgeräuschen und hämmernden Beats oszilliert. Allmählich setzen sich die Bewegungen der Liegenden bis in die Wirbelsäule fort, werden ausgelotet bis in die Endstellungen der Gelenke; Muskeln vibrieren, zittern, spannen sich an und lassen abrupt los.

Das schafft erstaunliche, ja regelrecht verblüffende Ansichten der Körpersilhouetten, die Guilherme Botelho dramatisch und nicht ohne Witz in Szene setzt. Vom Liegen zum Hocken zum aufrechten Gang, vom Kreiseln zum Rennen und Hüpfen und immer wieder zum Hochschnellen aus liegender oder hockender Position variiert der allgemeine Bewegungsfluss - zunächst synchron, dann zeitlich versetzt. Schließlich dürfen Einzelne aus der Bewegungsmaschinerie ausbrechen und ihre eigenen Akzente setzen. Trotzdem bleibt jeder für sich, Berührungen sind tabu und selbst Bewegungsspiele funktionieren indirekt: Einer hüpft, die übrigen schnellen aus der Seitlage hoch...

Erst am Ende bauen drei Tänzer eine regelrechte Körperbrücke, über die sich alle Übrigen wie ein endloser Strom kopfüber nach unten gleiten lassen – ob voller Hoffnung oder Verzweiflung, bleibt offen. Denn was der Choreograf mit seinem distanzierten Blick ausblendet, ist die emotionale Qualität von Körperlichkeit, ist Scham oder Stolz, Lust oder Abneigung, Zärtlichkeit oder Kampf. Die Tänzer verdienen im Gegenzug höchsten Respekt – den ihnen das Heidelberger Publikum gerne zollte.
 

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