HOMEPAGE



München

VIER BALLETTE AUS BAYERN

Pick bloggt



Vier Vorstellungsbesuche in Bayern innerhalb einer Woche, wobei nur „Paquita“ beim Bayerischen Staatsballett ein Premierenbesuch war.


  • "Romeo und Julia" von Young Soon Hue in Augsburg Foto © Nik Schölzel/ Theater Augsburg
  • "Romeo und Julia" von Young Soon Hue in Augsburg Foto © Nik Schölzel/ Theater Augsburg
  • "Romeo und Julia" von Young Soon Hue in Augsburg Foto © Nik Schölzel/ Theater Augsburg
  • "Romeo und Julia" von Young Soon Hue in Augsburg Foto © Nik Schölzel/ Theater Augsburg
  • "Schlagobers" am Gärtnerplatztheater München: Javier Ubell als Neffe, Anna Calvo, Ariella Casu, Marta Jaén, Isabella Pirondi, Roberta Pisu, Sandra Salietti, Rita Barão Soares als Krankenschwestern Foto © Marie-Laure Briane
  • "Schlagobers" am Gärtnerplatztheater München: Sandra Salietti als Prinzessin Brombeere Foto © Marie-Laure Briane
  • "Schlagobers" am Gärtnerplatztheater München: Giovanni Insaudo als Don Zuckero, Rita Barão Soares als Prinzessin Praliné, Marta Jaén als Prinzessin Teeblüte, Russell Lepley und Alfonso Fernández als Marzipane, Francesco Annarumma und Isabella Pirondi als Quittenwürstchen Foto © Marie-Laure Briane
  • "Paquita" am Bayerischen Staatsballett Foto © Charles Tandy
  • "Paquita" am Bayerischen Staatsballett Foto © Charles Tandy
  • "Paquita" am Bayerischen Staatsballett Foto © Charles Tandy
  • "Paquita" am Bayerischen Staatsballett Foto © Charles Tandy
  • "Paquita" am Bayerischen Staatsballett Foto © Charles Tandy
  • "Paquita" am Bayerischen Staatsballett Foto © Charles Tandy
  • "Paquita" am Bayerischen Staatsballett Foto © Charles Tandy
  • "Cyrano" von Goyo Montero Foto © Jesus Vallinas
  • "Cyrano" von Goyo Montero Foto © Jesus Vallinas
  • "Cyrano" von Goyo Montero Foto © Jesus Vallinas
  • "Cyrano" von Goyo Montero Foto © Jesús Vallinas

Ich fange mal mit Augsburg an, erstens weil es alphabetisch logisch ist und zweitens weil ich höchst skeptisch zu „Romeo und Julia“ gefahren bin, da dieses Ensemble das kleinste der in diesen Tagen besuchten Ensembles war und ich mir nur schwer vorstellen konnte, dass das funktioniert.

Um es vorweg zu nehmen, „Romeo und Julia“ war nicht nur beim Augsburger Publikum ein triumphaler Erfolg, sondern auch ich bin höchst beschwingt nach Hause gefahren! Von mir aus hätte der Abend auch einfach „Mercutio“ heißen können, denn Theophilus Vesely ist einfach so hinreißend als Tänzer und Darsteller dieser von Shakespeare schon so bevorzugten Rolle, dass er gleich hinter Egon Madsen zu nennen wäre. Und wo ich mich schon gerade nach Stuttgart verlaufen habe, die Choreografin des Abends Young Soon Hue folgt dem großen Vorbild John Cranko sowie der Partitur des Komponisten Prokofiev wie man es besser nicht machen kann. Sie verlegt die Vorgänge in eine Gegenwart, was ich eigentlich nicht sehr mag. Aber in diesem Fall funktioniert es ausgezeichnet! Die Kürzung der ewigen Beerdigungsszenen ist eine gute Idee und offensichtlich ist das Ensemble mit den ständigen Gästen Armin Frauenschuh (Vater Capulet) und Erich Payer (Doge/Pater Lorenzo) hervorragend geführt. Bleibt mir noch hervorzuheben, dass der Ballettdirektor Robert Conn und seine Frau, die ehemalige Stuttgarter Ballerina Yseult Lendvai, dafür sorgen, dass die Ballettkompanie Augsburg in der Bundesliga tanzt, wie die Augsburger Fußballkollegen!

Die beiden Münchener Kompanien haben sich um Ausgrabungen bemüht, was sehr lobenswert ist und durchaus großen Respekt verdient. Aber auch auf die Gefahr, dass ich jetzt in große Fettnäpfchen trete, beide Bemühungen waren für die Katz. Und zwar in erster Linie, weil die musikalische Grundlage nicht stimmt.

Bei aller Verehrung für Richard Strauss, dessen Opern „Salome“ und „Elektra“ einfach musikalische Erdbeben sind und auch seine Orchesterwerke oder Lieder Musikgeschichte geschrieben haben, der Schlagobers war's nicht. Leider hat Diaghilev diese Partitur nie zu hören gekriegt, aber er sagte selbst zu Ravel, nachdem er das bestellte Stück "La Valse" endlich hörte: "Sehr eindrucksvoll und große Musik, aber es ist leider keine Ballettmusik, sondern die Beschreibung eines Balletts." - Das hätte er erst recht zu Richard Strauss sagen können, denn die Musik mangelt jeglicher Dramatik und hat leider auch keinen Witz, wie etwa Till Eulenspiegel und ich könnte die Aufzählung fortsetzen.

Der mutige Ballettchef des Gärtnerplatztheaters in München, Karl Alfred Schreiner, hat das Wiener Ballett „Schlagobers“ nun endlich in Richard Strauss' Heimat geholt und mir schien, dass er vor Ehrfurcht vor dem großen Komponisten nicht so recht sein bestes Talent, nämlich Komik, ausspielte, was dieses Stück dringend bräuchte und er sich ja in diesem Genre bewiesen hat, als er sich in München vorstellte.

Natürlich würde dieses zuckersüße Ballett besser in das schöne Haus am Gärtnerplatz passen, aber das war weder vom Ausstatter noch vom Choreografen beabsichtigt. Ein edler heller Raum schafft die Atmosphäre eines In-Cafés, wo drei schlanke, schicke Kellner-Strizzis mit Sektflöten-Tabletts jonglieren, wie sie es schon beim Auftritt der "(Hallo) Dolly" geübt haben könnten, aber da ist die Musik schmissiger. Schade, dass nie ein Glas auch nur wackelt oder einer von den dreien mal wenigstens die Contenance verliert. Ab sofort hält sich Karl Schreiner an das Libretto, wenn auch die Kuchenschnitten und Belege, die von den Tänzern als Rutsche oder sonstige Spielwiese über die Bühne befördert werden, für mich eher wie besonders schicke Matratzen aussahen. Die Prinzessin auf der Erbse hätte bei diesen Stapeln keinen Grund gehabt, schlecht zu schlafen. Das bleibt dem jungen Knaben vorbehalten, der ja von seiner Tante ganz nebenbei mit eben jenem Schlagobers auf dem Kuchen befüttert wird. Er hat natürlich Schwierigkeiten der besonderen Art, die süßen Sachen, die dieses wunderbare Ensemble wirklich nicht unter einen Scheffel stellt, zu verdauen. Im Übrigen spielt hinter der weißen Spielfläche angenehm sicht- und hörbar das Orchester des Staatstheaters am Gärtnerplatz auf, wie es sich in einem Wiener Salon dieses Ausmaßes gehört, ohne Makel (da elektronisch der vertrakten Akustik der Reithalle auf die Beine geholfen wird).

Nach der Pause befinden wir uns in einer Klinik mit riesiger Operationsbeleuchtung. Die sich bemühenden Ärzte und hilflosen Schwestern versuchen den armen überfressenen Buben zu kurieren, der sich verdoppelt, dann vervielfältigend albträumt. Die Lage scheint aussichtslos und hier hilft kein Deus ex Machina. Sie allerdings produziert die weiße Masse, um die es den ganzen Abend geht. So quillt unter und vor dem Orchester Sahneschaum in solchen Mengen hervor, dass das ach so gute Tänzerensemble darin versinkt. Ein Paar mit mehr Lebenserfahrung als die anderen Tänzer versucht auf den seitlichen Podesten so gut es geht, zu walzen, aber wenn die beiden endlich zusammen kommen, dann doch mit den anderen im Schlagobers untergehen und weiter ist dann leider auch nicht mehr geblieben von einer Partitur, die für mein Gefühl fürs Ballett nicht zu retten scheint.

An mir ist dummerweise vorbeigegangen, dass Marius Petipa heilig gesprochen worden ist. Das ist natürlich fatal für jemanden, der sich seit Jahr und Tag mit der Tradition beschäftigt. Trotzdem sind für mich die Rekonstrukteure Ratmanski und Fullington schuldig geblieben, dass man eine Mumie zum Leben erwecken muss, deren musikalische Grundlage neben Minkus noch sechs andere Komponisten nennt und zwei Erfinder eines haarsträubenden Librettos, das nur andeutungsweise durch Projektion auf dem Deckvorhang für Verständnis sorgen soll. Es braucht im Gegenteil noch ein ganzes Bild in einer Kaschemme mit wunderbar rekonstruierter Ballettmime. Eigentlich müsste es übertitelt werden, damit - wie in der Oper - das Publikum versteht, welche Intrigen da von wem gegen wen mit wessen Hilfe ausgeheckt werden. Nein, so tut man der Vergangenheit keinen Gefallen, sondern bestätigt einmal mehr, dass ohne Lev Iwanov die Meisterwerke von Petipa/Tschaikowski wohl auch kaum überlebt hätten. Das ganze Unternehmen erinnert mich an die Versuche die Oper "Liebestrank" bühnenfähig zu machen, weil es eine einzige unsterbliche Arie enthält, in Ermangelung eines Repertoires des zwanzigsten Jahrhunderts. Was würden Kritiker und Opernfreunde wohl sagen, wenn Bayreuth sich um die Uraufführungsinszenierungen von Richard Wagner mit gehörnten Helmen bemühen würde?

Das Ballett hat ja glücklicherweise die Tradition bewahrt, die Perlen des Divertissements weiter leben zu lassen ohne den unsäglichen Ballast eines Abendfüllers. Und selbst das geht kaum, wenn man einen Supertänzer wie Tigran Mikayelyan in napoleonischen Uniformen versteckt.

Auch Ballettchef Goyo Montero hat mit "Cyrano de Bergerac" einen Stoff für seine jüngste Arbeit in Nürnberg gewählt, der fürs Ballett nur bedingt taugt, aber er beschäftigt sich und die Zuschauer eher damit, das Innenleben des Cyrano zu erkunden und dazu braucht er neben Musik von Rameau, Kompositionen des Kanadiers Owen Belton sowie Charles Ives, was sich sehr gut ergänzt. Und da Goyo ein Poet des Tanzes ist, passend zum Autor Edmond Rostand, gelingt ihm mit Hilfe seiner Ausstatter Eva Adler und Angelo Alberto (Kostüme) ein Abend, der vom wabernden Anfang bis zum Schluss unergründlich spannend bleibt. Die komödiantische Seite des Stoffs drückt er dabei geschickt in die Ecke der Commedia dell'Arte. Mit seinem spielfreudigen Ensemble, das höchsten technischen Anforderungen verschiedenster Art gerecht wird, kann er aus dem Vollen schöpfen und es bleiben bei diesem Abend keine Wünsche offen, was das Publikum dieser Abonnoments-Vorstellung zu Ovationen hinriss.

Veröffentlicht am 30.12.2014, von Günter Pick in Homepage, Blogs

Dieser Artikel wurde 2518 mal angesehen.



Kommentare zu "Vier Ballette aus Bayern"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




    Ähnliche Beiträge

    ADEL VERPFLICHTET!

    Pick bloggt: Éric Trottier & Karel Vaněk erhalten Stuttgarter Tanz- und Theaterpreis

    Das Stück "Endless Refill", dass ich am Theater Felina-Areal in Mannheim von den beiden sah, hat Biss und alle möglichen Facetten zwischenmenschlicher Freundlichkeiten bis Brutalitäten.

    Veröffentlicht am 27.04.2015, von Günter Pick


    DER GROßE COUP DES KLEINEN KANADIERS

    Eric Gauthier erhält Verdienstorden des Landes Baden-Württemberg

    2008 gründete er im Theaterhaus Stuttgart seine eigene Kompanie. Eine risikofreudige Entscheidung. Wer begibt sich schon aus dem festen Engagement bei der berühmtesten deutschen Ballettkompanie an ein privates Theater?

    Veröffentlicht am 27.04.2015, von Günter Pick


    MIT MUT BESCHRITTEN

    Pick bloggt: Über Bärbel Stenzenberger und Karel Vanek

    Die Bonner Freie Szene ist besonders rührig. Was wohl damit zusammenhängt, dass seit dem abrupten Ende der Sparte an den Städtischen Bühnen einige Tänzer aus der erfolgreichen Zeit von Pavel Mikulastik und Hans Kresnik dort geblieben sind.

    Veröffentlicht am 24.02.2015, von Günter Pick


    BALANCEAKT

    Pick bloggt: Über die Iwanson International School of Contemporary Dance

    Am vergangenen Wochenende fand das Festival "Licensed to Dance" am Gasteig München statt. Man kann der Choreografin Jessica Iwanson nur bescheinigen, dass ihr Institut in München eine gute Basis gelegt hat.

    Veröffentlicht am 06.05.2015, von Günter Pick


    BERAUSCHTE SOMMERPAUSE

    Pick bloggt über „Romeo und Julia“ am Stuttgarter Ballett

    Nach einem Besuch der "Romeo und Julia"-Vorstellung im Rahmen der Stuttgarter Festwoche "20 Jahre Intendanz Reid Anderson" werden Erinnerungen der letzten 40 Jahre an sämtliche Versionen des berühmten Balletts wach.

    Veröffentlicht am 05.09.2016, von Günter Pick


    EIN GASTSPIEL VON SASHA WALTZ IN KÖLN, PREMIEREN IN GIEßEN UND ULM

    Pick bloggt

    An dieser Stelle bloggt Günter Pick in unregelmäßigen Abständen über Tanzereignisse, Tanzpolitik und Vorstellungen.

    Veröffentlicht am 10.11.2014, von Günter Pick


    NOCH´N WUNDER IN KARLSRUHE!

    Pick bloggt

    "Der widerspenstigen Zähmung" von John Cranko am Badischen Staatstheater

    Veröffentlicht am 25.11.2014, von Günter Pick


    FREIE SZENE, FESTE HÄUSER

    Pick bloggt

    Der November ist vorbei und es gibt noch Ereignisse, die ich nicht verarbeitet habe. Doch sie sind wichtig, obwohl sie von Seiten der Tanzgemeinde zu wenig Aufmerksamkeit finden.

    Veröffentlicht am 01.12.2014, von Günter Pick


    JA ODER NEIN ZUM TANZ?

    Pick bloggt

    Köln und Bonn, diese beiden Städte im "Tanzland NRW", haben vor mehreren Jahren ihre Tanzensembles schon abgewickelt. Und Wuppertal hätte sicher auch keins mehr, wenn das Tanztheater nicht weltweit so berühmt wäre.

    Veröffentlicht am 13.12.2014, von Günter Pick


    KLARA UND IHR KNACKER

    Pick bloggt

    In der Tat ist Peter Breuers neue Version des "Nussknackers" am Salzburger Landestheater höchst reizvoll und gelungen, mit nicht historisierenden Bühnenbildern und Kostümen, die allerdings manchmal an den Haaren herbeizogen wirken.

    Veröffentlicht am 22.12.2014, von Günter Pick


     

    AKTUELLE NEWS


    JIŘÍ KYLIÁN ZUM 70.

    Der tschechische Choreograf feiert Geburtstag
    Veröffentlicht am 21.03.2017, von tanznetz.de Redaktion


    TRISHA BROWN GESTORBEN

    Trauer um Ikone des Postmodern Dance
    Veröffentlicht am 20.03.2017, von tanznetz.de Redaktion


    VIER TAGE ZEITGENÖSSISCHER TANZ

    21. Internationales Solo-Tanz-Theater Festival Stuttgart
    Veröffentlicht am 20.03.2017, von Pressetext



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    NEXT GENERATION!

    Uraufführung - 3 Tanzstücke am 21. Februar. am Theater Trier

    "Wer ist Victor?" von Paul Hess - "Inner Jail" von Darwin José Diaz Carrero - "Going No Where" von Robert Przybyl

    Veröffentlicht am 31.01.2017, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    ATEMBERAUBEND GRENZÜBERSCHREITEND: HOMÖOPATHIE UND TANZ

    „Sepia tanzt alleine“ von Andrea Simon, Andreas Etter, Ulrich Koch und Gesina Habermann verbindet Tanz und Medizin in beeindruckend schönen Bildern
    Veröffentlicht am 10.02.2017, von Sabine Kippenberg


    WIE TANZT MAN REFORMATION?

    Das Bundesjugendballett wagt mit "Gipfeltreffen - Reformation" einen Versuch
    Veröffentlicht am 15.01.2017, von Andreas Berger


    STANDING OVATIONS

    Pick bloggt über die Gastspielreise des Bundesjugendballetts und -orchesters
    Veröffentlicht am 16.01.2017, von Günter Pick

    MEISTGELESEN (7 TAGE)


    IM HIER UND JETZT

    Die Staatliche Ballettschule Berlin begeistert mit „The Contemporaries, Volume 2“

    Veröffentlicht am 17.03.2017, von Volkmar Draeger


    JOHANNES ÖHMAN ÜBERNIMMT VORZEITIG INTENDANZ DES STAATSBALLETTS BERLIN

    Nacho Duato beendet sein Engagement am Staatsballett schon im Sommer diesen Jahres

    Veröffentlicht am 18.03.2017, von Pressetext


    RICARDO FERNANDO: VON HAGEN NACH AUGSBURG

    Marieluise Jeitschko sprach mit Ricardo Fernando über seine neue Wirkungsstätte

    Veröffentlicht am 19.03.2017, von Marieluise Jeitschko


    JONAH COOK ERHÄLT KONSTANZE VERNON PREIS

    Pick bloggt: Die Bosl Stiftung feiert die Grande Dame Konstanze Vernon mit dem Tanzpreis an Jonah Cook

    Veröffentlicht am 17.03.2017, von Günter Pick


    TRISHA BROWN GESTORBEN

    Trauer um Ikone des Postmodern Dance

    Veröffentlicht am 20.03.2017, von tanznetz.de Redaktion



    BEI UNS IM SHOP