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Berlin

FLEISCH ZU FLEISCH

Isabelle Schad mit "Collective Jumps" im Berliner HAU und Stary Browar in Posen



In ihrem neuesten Projekt stellt Isabelle Schad eine Begegnung von Körpern zur Schau. Wie in den letzten Arbeiten fragt die Choreografin nach dem Potenzial des Materials und nach den Beziehungen, die es eingeht.


  • Isabelle Schads "Collective Jumps" im HAU Berlin Foto © Dieter Hartwig
  • Isabelle Schads "Collective Jumps" im HAU Berlin Foto © Dieter Hartwig
  • Isabelle Schads "Collective Jumps" im HAU Berlin Foto © Dieter Hartwig
  • Isabelle Schads "Collective Jumps" im HAU Berlin Foto © Dieter Hartwig
  • Isabelle Schads "Collective Jumps" im HAU Berlin Foto © Dieter Hartwig

Von Mateusz Szymanówka

Für einen Augenblick sieht man nur Hände und Beine, die durch die Luft fließen. Die Haut schimmert im sanften Licht. Dann werden Gesichter und Oberkörper der Performer sichtbar. Die 16 Menschen auf der Bühne, in dunklen T-Shirts und Kurzhosen, sind jetzt als individuell und voneinander getrennt zu erkennen, doch dann fragmentiert die Choreografie von Schad die Körper und collagiert sie zu immer neuen Bildern. Die Gruppe zieht einen Kreis unmittelbar neben der ersten Reihe des Publikums. Bevor ich imstande bin, mir die Gesichter der Performer genauer anzuschauen, formen sie, Hände verflechtend, zwei gleiche Kreise. Sie drehen sich um die eigene Achse und kreisen gegenseitig um sich herum. Immer schneller. Schritt für Schritt. Sie dehnen sich aus und ziehen sich zusammen, als würden sie pulsieren. Irgendwann kommen die zwei Kreisfiguren in Kontakt. Ein Rücken stößt gegen den anderen Rücken. Haut berührt Haut. Die Performer bleiben entspannt. Wie ein Zahnrädchen im Uhrwerk erledigen sie geduldig und konzentriert ihre Aufgaben. Danach formieren sich die zwei Gruppen zu einer neuen Figur – einem Tunnel. Ein Paar geht unter einer Kuppel aus Händen hindurch und gleich wird es wiederum zu deren Teil. Alles kreist. Die Zeit auf der Bühne scheint rund zu sein.

In „Collective Jumps“ beobachtet das Publikum Landschaften aus menschlichen Körpern. Der Leib ist hier der Stoff mit dem gearbeitet wird. Eine Szene wird ohne Eile zu einer anderen. Die Bilder schlüpfen aus und verpuppen sich. Ihre Intensität bleibt von Anfang bis Ende gleich. Diese eintönige Dramaturgie leitet sich aus der Logik der Bewegung her, wo keine Stelle betont wird, selbst wenn das Tempo der Ausführung steigt. Die Tanzenden konzentrieren sich einerseits auf die Reise durch den eigenen Körper und folgen dem inneren Timing, andererseits trainieren sie verschiedene Formen von Gemeinsamkeit. Die Choreografie besteht aus einfachen Bewegungen, Paar- und Gruppenaktionen, die multipliziert in verschiedensten Konstellationen auftauchen. Sie stammen aus Volkstänzen, Aikido und somatischen Praktiken wie BMC. Das sich ständig verwandelnde Geflecht aus Körperteilen löst zahlreiche Assoziationen aus der Flora und Fauna aus. Die Bilder scheinen jedoch ein Nebeneffekt der körperlichen Praxis zu sein. Bezogen auf die innere Beweglichkeit und das Imaginäre gestaltet die Choreografin gemeinsam mit ihrem langjährigen Mitarbeiter – dem Künstler Laurent Goldring – das Visuelle auf der Bühne. Im Mittelpunkt stehen Bilder von Netzwerken und der Kollaboration der Akteure.

Das erlaubt dem Publikum, die Verhandlungen zwischen Körpern zu beobachten: Wie diese gemeinsam zu einem Entschluss kommen, sich gegenseitig beeinflussen und ihre Energie verteilen. Ich entdecke in mir das Bedürfnis, die Performance wie eine Installation im Ausstellungsraum von allen Seiten anzuschauen, genauso wie in zwei Versionen von Schads Werk „Der BAU”. Die frontale Perspektive dient hier aber mehr als nur der präzisen Steuerung des zuschauenden Blickes. Wenn ich die Formation des Kollektiven auf der Bühne sehe, erfahre ich die Präsenz der anderen Zuschauer im Raum. Die atmenden und sich in Theaterstühlen bewegenden Körper fallen auf und mir wird klar, wie viel Kraft nur in einer gleichzeitigen Anwesenheit an einem Ort steckt. Während ihrer Rede für die Occupy Bewegung im Zuccotti Park in New York im Jahr 2011 betonte die amerikanische Philosophin Judith Butler das Körperliche solcher Versammlungen: „It matters that as bodies we arrive together in public. As bodies we suffer, we require food and shelter and as bodies we require one another in dependency and desire. So this is a politics of the public body, the requirements of the body, its movements and its voice.“

„Collective Jumps” ist ein Labor, in dem Körper Interdependenz, Intimität, Nähe und ihr revolutionäres Potenzial erproben. In der Performance von Isabelle Schad sind keine Sprünge zu sehen. Sie passieren an der Hautgrenze, wo Fleisch zu Fleisch wird.

Veröffentlicht am 13.12.2014, von Gastautor in Homepage, Kritiken 2014/2015, Tanz im Text

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