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Berlin

ZWISCHEN LANGSAMKEIT UND LANGEWEILE

Mit sehr unterschiedlichen Performances klingen die 23. Tanztage in den Sophiensaelen aus



Dass die Tanztage in den Sophiensaelen offen in den Themen und breit in den Stilen sind, bewiesen zwei Programme am selben Abend.


  • Michael Burditt Norton in Calvin Kleins „The rapture will be televised V“ Foto © Dieter Hartwig
  • Alexander Coggin und Michael Burditt Norton in Calvin Klein „The rapture will be televised V“ Foto © Dieter Hartwig
  • Alexander Coggin, Jessica Lauren Elizabeth Taylor (vorn) und Michael Burditt Norton in Calvin Kleins „The rapture will be televised V“ Foto © Dieter Hartwig
  • Lee Meir und Maya Weinberg in „If it´s fun“ Foto © Dieter Hartwig
  • Lee Meir und Maya Weinberg in „If it´s fun“ Foto © Dieter Hartwig
  • Maya Weinberg und Maya Weinberg in „If it´s fun“ Foto © Dieter Hartwig
  • Lee Meir und Maya Weinberg in „If it´s fun“ Foto © Dieter Hartwig
  • Lee Meir und Maya Weinberg in „If it´s fun“ Foto © Dieter Hartwig

Calvin Klein nennt sich befremdlich ein 2011 gegründetes Trio aus Alexander Coggin, Michael Burditt Norton und Jessica Lauren Elizabeth Taylor, das an der Schnittstelle von Theater, Bewegung, Musik und Sound experimentiert. Ihre Produktion, „The rapture will be televised“, entdeckt die Langsamkeit wieder. Anregen dazu ließen sich die Performer von amerikanischen R&B-Standards und gestalten pantomimisch deren Texte aus. Was man sieht, sind je zwei Menschen, die sich im zeitlupenhaften Vorwärtsgehen gestisch exaltiert unterhalten und sich dabei wahre Dramen zu erzählen scheinen. Sie lachen und lästern, empören und wundern sich, verdrehen die Augen, hecheln über den jeweils Dritten und werden scheinheilig freundlich, wenn es zur Begegnung mit ihm kommt. Das zerdehnte Tun macht deutlicher, was geschieht und wie, und es entlarvt manches zudem als noch lächerlicher. Selbst beim Bankett wetzen sie die Zungen, erst recht während einer kurzen Sitzpause. Zwischendrin singt jeder der Männer einen wehmutsvollen Song. Dieser gesamte Ablauf wiederholt sich mehrfach im unterschiedlichen Duo und mit gestisch leicht differenzierten Reaktionen. Die jedoch sollten präziser gearbeitet sein, sind die drei in ihrer Gestaltung doch verschiedene Typen, neben dem schlaksig Dünnen mit starker Mimik und Hang zur Groteske der süffisante kleine Rundliche von eher ernsterem Zuschnitt. Die witzige Idee des Stücks trägt und amüsiert bisweilen dennoch.

Als problematisch erwies sich die zeitliche Teilung des anderen Programms: Gut 50 Minuten beim ersten Stück standen knapp 15 Minuten beim zweiten gegenüber. Und meist ist das falsche Stück zu lang. Das trifft exemplarisch auf „It’s fun“ der beiden Israelinnen Lea Meir und Maya Weinberg zu. Vor einer Diagonale aus Taschen, Trödel und Tand, Puppen, Plüsch und Puscheln, Besen und Büchern als knallbunter Draperie ausgedienter Objekte parlieren zwei Frauen, Bücher zerfleddernd, über nichts. Hyper-Kreativität nennen sie das und hoffen, dass ihre irrwitzigen Tätigkeitsfragmente in wirklicher Kreativität münden. Doch auch die Suche nach einem Muffin und die weinerliche Frage an den Saal, wer es geklaut habe, trägt nicht zu einer Dramaturgie bei. Es kommt wie erwartet: Die akribisch gefügte Diagonale geht bei der quälend ziellosen Raumaktion zu Bruch, die Teile fliegen umher, stapeln sich neu um. Dann der Lichtblick: Eine zeigt der Anderen in der Ferne die Zukunft. Das genau hätte die Wendung ins ironisch Zeitkritische bringen können, die alles sinnlose Tun erklärt und enträtselt. Doch die Performance endet in der ebenso nervenden wie stupiden Scheinaktivität, aus der Kreativität sich jedenfalls allein nicht speisen kann.

Wiewohl sich auch der junge Chilene Juan Gabriel Harcha, Tänzer und Soziologe, nicht brennenden Fragen unserer Zeit zuwendet, hat sein kurzes Solo doch einen realen Hintergrund. Bis zur Ausrottung Anfang des 20. Jahrhunderts durch Europas Eroberer pflegten die Selk’nam, Eingeborene in Chiles Feuerland, ihre Initiationsriten in reicher Körperbemalung zu feiern. Einige Indigene wurden bei einer Völkerschau zum 100. Jahrestag der französischen Revolution präsentiert. Die letzte reinrassige Selk’nam starb 1974 und gab Harchas Stück den Namen: „Angela Loij“. So erinnert der feingliedrige Tänzer in ihrer Person an das Schicksal eines ganzen Stammes, ohne sich sklavisch an ein Original zu verlieren. Er möchte mit seinem Körper den gänzlich leeren Raum ornamentieren. Dazu ist seine nackte Haut von Kopf bis Fuß auf weißem Grund mit einem zebrahaften Streifenmuster versehen. Als Kobold tobt er umher, wieselt wie ein Axolotl, lässt den Penis wippen und den Po wackeln, liegt platt auf dem Boden oder nimmt die Gestalt einer Echse an. Mehr noch in die Rolle tierhafter Ahnen schlüpft er, als ihm ein gleichfalls gestreifter Riesenschwanz umgeschnallt wird. Zwischen clownesk und faunisch changiert er, nimmt im Finale lange Blickkontakt mit den Zuschauern auf. Da hat die Weißschminke fleckenweise schon dem Inkarnat des Körpers Platz gemacht. Gern hätte man Harchas Struktursuche noch länger zugeschaut.

Der 24. Ausgabe der Tanztage kann man dann nächsten Januar wieder zuschauen, mit neuer Leitung und hoffentlich mehr Qualitätsbewusstsein.

Bis 14.1., Sophiensaele, Sophienstr. 18, Mitte, Kartentelefon 283 52 66, www.sophiensaele.com

Veröffentlicht am 12.01.2014, von Volkmar Draeger in Homepage, Kritiken 2013/2014

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