HOMEPAGE



Duisburg

SCHLÄPFERS NEUES MEISTERWERK

Keith Harings Graffitti-Figuren trotzen Brahms' "lieblichem Ungeheuer"



Martin Schläpfer erreicht mit der Choreografie auf die 2. Sinfonie von Johannes Brahms einen neuen Gipfel seiner Kunst. Verblüffender Weise kommen seine genialen Tanzbilder zu dem romantischen Tongemälde über, als habe er diesen Giganten bei allem spürbaren Perfektionismus mühelos erklommen.


  • Brahms Symphonie Nr. 2: Ensemble Foto © Gert Weigelt
  • Brahms Symphonie Nr. 2: Marquet K. Lee, Alexandre Simões Foto © Gert Weigelt
  • Brahms Symphonie Nr. 2: Ensemble Foto © Gert Weigelt
  • Brahms Symphonie Nr. 2: Ensemble Foto © Gert Weigelt
  • Brahms Symphonie Nr. 2: Feline van Dijken, Chidozie Nzerem Foto © Gert Weigelt
  • Brahms Symphonie Nr. 2: Ensemble Foto © Gert Weigelt
  • Brahms Symphonie Nr. 2: Marcos Menha, Claudine Schoch, Wun Sze Chan Foto © Gert Weigelt
  • FIVE BRAHMS WALTZES IN THE MANNER OF ISADORA DUNCAN: Camille Andriot Foto © Gert Weigelt
  • FIVE BRAHMS WALTZES IN THE MANNER OF ISADORA DUNCAN: Camille Andriot Foto © Gert Weigelt
  • Antony Tudor THE LEAVES ARE FADING Ann-Kathrin Adam, Helge Freiberg Foto © Gert Weigelt
  • Antony Tudor THE LEAVES ARE FADING Marcos Menha, So-Yeon Kim Foto © Gert Weigelt
  • Antony Tudor THE LEAVES ARE FADING Marcos Menha, So-Yeon Kim Foto © Gert Weigelt
  • Antony Tudor JARDIN AUX LILAS Alexandre Simões, Nicole Morel Foto © Gert Weigelt
  • Antony Tudor JARDIN AUX LILAS Alexandre Simões, Nicole Morel, Andriy Boyetskyy, Julie Thirault Foto © Gert Weigelt

Martin Schläpfer erreicht mit der Choreografie auf die 2. Sinfonie von Johannes Brahms einen neuen Gipfel seiner Kunst. Verblüffender Weise kommen seine genialen Tanzbilder zu dem romantischen Tongemälde über, als habe er diesen Giganten bei allem spürbaren Perfektionismus mühelos erklommen. Wie viele scheiterten nicht schon an dem schwerblütigsten deutschen Sinfoniker, der seine über weite Strecken so pastoral heiter klingende Komposition selbst ein "liebliches Ungeheuer" nannte. Schläpfers Ballett − transparent begleitet von den Duisburger Philharmonikern unter Axel Kober − aber verfolgt der Zuschauer mit atemloser Spannung, amüsiert und hochkonzentriert -− und erwacht am Ende überwältigt wie aus einem Märchentraum. Es sind wohl dieser schier überbordende Einfallsreichtum neuer Posen, Gesten, Formationen neben offensichtlicher Zitierfreude von Elementen der dance d'école und dem Witz von Keith Harings Graffitti-Figuren wie auch die technische Brillanz und Individualität der Truppe, die "Johannes Brahms - Symphonie Nr. 2" wie Tanz von einem anderen Stern aussehen lassen.

Schläpfer offenbart seine Gedanken zu dem Bemühen eines heutigen Tanzmachers um die klassischen Wurzeln mit entwaffnender Geradlinigkeit: "Ich schaue immer wieder auf die großen romantischen Ballette, bewundere sie, studiere sie... Aber ich bin ein Choreograf von heute, habe ein anderes Menschenbild, liebe eine andere Freiheit, einen anderen Tänzertypus", und er gesteht ein: "Ich möchte herausfinden, wie die akademische Technik eine Sprache unserer Zeit sein kann". Mit seiner Musikwahl katapultiert er sich zurück in die Zeit des klassischen Balletts.

Das "liebliche Ungeheuer" deutet Keso Dekker mit seinem Bühnenbild an: eine düstere Landschaft ist mit expressionistischem Gestus auf den Rückprospekt gemalt − ein eisiges, verschneites Schiefergebirge vielleicht. Die Tänzer kleidet der Niederländer in silbern glitzernde und wasserblau glänzende Ganzkörpertrikots. Sie treten fast alle durchweg barfuß auf − solistisch, in Paaren und kleinen Gruppen, als Corps in langen Diagonalen über die Bühne defilierend und verharrend − und manche stellen weiße Badeentchen (nein, keine kleinen Schwäne!) an die Rampe, die Remus Şucheanᾰ im Finale mit strenger Miene aufklaubt und, auf dem Unterarm aufgereiht, im Schlusstableau präsentiert. Tritt in den beiden Ecksätzen fast die ganze Kompanie auf, so sind es im elegischen Adagio sieben Paare und im Allegro grazioso Marlúcia do Amaral solo. Verschmitzt und kokett lächelnd schreitet die Diva zu den Oboen- und gezupften Celli-Klängen des Menuetts an die Rampe, wechselt Standbein und Spielbein, hebt die Hüfte, streckt das Hinterteil in den Raum, gestikuliert, sinniert, probiert, um schließlich im Presto rasant rückwärts trippelnd große und kleine Serpentinen mit ihren Spitzenschuhen in den Bühnenboden zu hacken. Welch eine Künstlerin! Carusos lang gehaltenes hohes C ist ein schnell verwehter Hauch dagegen.

Die drei kurzen Stücke, die der Brahms-Uraufführung vorangestellt sind, zeigen einerseits eine weitere Facette großen Balletts des 20. Jahrhunderts, das Schläpfer zum Schwerpunkt seines Repertoires erklärt hat, und bieten Solisten auch Anlass, sich tänzerisch wie darstellerisch zu präsentieren. Andererseits sorgen sie für schwerelose Unterhaltung. Der Pas de deux "The Leaves are Fading" von Antony Tudor vereint das physisch recht unterschiedliche Paar Marcos Henha und So-Yeon Kim (in der gesehenen Vorstellung am 16.2.2013), so dass sich der gertenschlanke, hochgeschossene Brasilianer immer wieder zu der zierlichen Koreanerin hinunter beugen muss. Wunderbar wirken aber die perfekt ausgerichteten Profil-Positionen der beiden und Kims federleichte Sprünge und Drehungen.

Eine unglückliche Liebesgeschichte erzählt der Engländer in "Jardin aux Lilas". Thomas Ziegler hat dafür sehr malerisch das Fin de siècle Ambiente eines üppigen Fliedergartens auf die Bühne gezaubert. Die zarte Caroline (Claudine Schoch) soll eine Vernunftehe mit dem eiskalten Karrieremann (Christian Bloßfeld) eingehen, tändelt aber immer noch mit ihrem Liebhaber (sehr geschmeidig: Paul Calderone), während ihr Zukünftiger von einer "Episode aus der Vergangenheit" (mit wunderbarer Aura in purpurrotem Samt-Empirekleid: Louisa Rachedi) verfolgt wird.

Nachdem sich in den beiden Tudor-Balletten, einstudiert von dem einstigen Tudor-Tänzer Donald Mahler, vorwiegend jüngere Mitglieder des "Ballett am Rhein" recht brav solistisch profilieren, beschert Camille Andriot dem Publikum eine kleine Sternstunde: Frederick Ashtons "Five Brahms Waltzes in the Manner of Isadora Duncan", kreiert für die legendäre Lynn Seymour und von der Kanadierin mit Andriot einstudiert, tanzt die rothaarige Französin frappierend "authentisch" wie eine rührende Stummfilmszene mit unfreiwilliger Komik.

Martin Schläpfer lässt "b.14" in dieser Saison ausschließlich im Theater Duisburg tanzen. Da ist das vom Aus bedrohte Haus plötzlich rappelvoll; denn nicht nur Zuschauer aus den umliegenden Gemeinden, sondern offensichtlich auch Düsseldorfer Schläpfer-Verehrer und andere (z.B. aus Essen und Münster) reisen an. Auch Heinz Spoerli schaute schon vorbei.

Ein kluger Schachzug und Akt der Solidarität mit dem kriselnden Partner. Das Eis scheint gebrochen, das "Ballett am Rhein" in seiner vierten Saison endlich auch ganz angekommen an der Ruhr.

Veröffentlicht am 04.02.2013, von Marieluise Jeitschko in Homepage, Kritiken 2012/2013

Dieser Artikel wurde 6440 mal angesehen.



Kommentare zu "Schläpfers neues Meisterwerk"



    • Kommentar am 05.02.2013 11:31 von rolf wollgarten
      Kommentar zu Wiebke Hüster:

      Martin Schläpfers "b.14" im Theater Duisburg am 02.02.2013



      Was die Beziehung von Frau Hüster zu dem Choreographen Schläpfer betrifft, so auch zu seiner Arbeit "b.14", nehme ich ihr kein einziges Wort ab. Sie repräsentiert die Ideologie, die Schläpferianismus heißt. Es ist bedauerlich, daß die Ballettkunst auf diese Weise ideologisch besetzt werden kann. Was jede Ideologie auszeichnet, die Exekution unliebsamer Feinde und die Vergötterung einer Person, findet man bei der Ich-AG Hüster, die Deutschlandradio mit dem Monopol der Berichterattung journalistisch unterstützt. Frau Hüsters mündliche Rezension dort am 02.02.13 zu "b.14" entlud sich fast ausschließlich im superlativischen Gebrauch von Superlativen. Reinster Superlativismus. Eine neue Art von Frömmigkeit. Gleichermaßen befremdlich, bedauerlich und unglaubwürdig.

      Rolf Wollgarten

Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung



 

LETZTE BEITRÄGE 'TANZ IM TEXT'


VIEL OPTIK, WENIG AUSDRUCK

„Die Kinder des Olymp“ von Fernando Melo am Theater Luzern
Veröffentlicht am 05.12.2016, von Anja K. Arend


GRANDIOSES TANZ- UND MUSIKEREIGNIS

Giuseppe Verdis „Requiem“ im Opernhaus Zürich - gesungen und getanzt
Veröffentlicht am 04.12.2016, von Marlies Strech


APROPOS LIEBE - URAUFFÜHRUNG VON MARTIN CHAIX

Premiere am Mittwoch, den 30. November 2016 um 19.30 Uhr im E-Werk des Mecklenburgischen Staatstheaters
Veröffentlicht am 02.12.2016, von Anzeige



AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



APROPOS LIEBE - URAUFFÜHRUNG VON MARTIN CHAIX

Premiere am Mittwoch, den 30. November 2016 um 19.30 Uhr im E-Werk des Mecklenburgischen Staatstheaters

Woher kommt die Liebe in unserer Gesellschaft? Was bedeutet Liebe heutzutage? Das Ballett „Apropos Liebe“ von Martin Chaix führt ein Panorama der Liebe vor und (ver)führt das Publikum zu einer Reise der Seele hin zur innersten Wahrheit.

Veröffentlicht am 02.12.2016, von Anzeige

LETZTE KOMMENTARE


WAR DAS WIRKLICH EINE GUTE IDEE?

Pick bloggt zum Direktionswechsel beim Staatsballett Berlin
Veröffentlicht am 08.09.2016, von Günter Pick


TÄNZER GEHEN...

Wechsel beim Bayerischen Staatsballett nicht nur in der Direktion
Veröffentlicht am 06.06.2016, von Malve Gradinger


WAS WIRD AUS DEM DEUTSCHEN TANZPREIS?

Pick bloggt über die Krise beim Förderverein Tanzkunst Deutschland e.V. und dem Deutschen Berufsverband für Tanzpädagogik e.V.
Veröffentlicht am 16.11.2016, von Günter Pick

MEISTGELESEN (30 TAGE)


VON WUPPERTAL IN DIE WELT

Die Pina Bausch Ausstellung ist nun auch in Berlin zu sehen

Veröffentlicht am 23.09.2016, von Karin Schmidt-Feister


JUGENDLICH FRISCH

Bosl-Matinee an der Bayerischen Staatsoper

Veröffentlicht am 29.11.2016, von Malve Gradinger


ER WÄRE SO GERN, ER HÄTTE SO GERN ...

Das Ballett der Semperoper Dresden legt einen soliden „Don Quixote“ vor

Veröffentlicht am 06.11.2016, von Rico Stehfest


KLASSIK PUR UND HEITER

Ben Van Cauwenberghs "Don Quichotte"

Veröffentlicht am 06.11.2016, von Marieluise Jeitschko


HELLMUTH MATIASEK FEIERT HEUTE SEINEN 85.GEBURTSTAG

Pick bloggt über seinen langjährigen Intendanten Hellmuth Matiasek und reist in Gedanken von Rosenheim bis nach Japan

Veröffentlicht am 15.05.2016, von Günter Pick



BEI UNS IM SHOP