KRITIKEN 2012/2013



Hamburg

GANZ GROßES DRAMA

Wiederaufnahme von „Onegin“ beim Hamburg Ballett


  • Das Ensemble des Hamburg Ballett in John Crankos „Onegin“ Foto © Holger Badekow
  • Silvia Azzoni und Alexandre Riabko im 3. Akt von John Crankos „Onegin“ Foto © Holger Badekow
  • Silvia Azzoni und Alexandre Riabk in John Crankos „Onegin“ Foto © Holger Badekow
  • Leslie Heylmann und Thiago Bordin als Olga und Lenski in John Crankos „Onegin“ Foto © Holger Badekow

Die erste Premiere der Jubiläumsspielzeit beim Hamburg Ballett war mit John Crankos „Onegin“ gut gewählt, diesem Klassiker schlechthin, der 1967 in einer Neufassung (zwei Jahre nach der Uraufführung 1965) beim Stuttgarter Ballett erstaufgeführt wurde. Allein beim Stuttgarter Ballett ist das Stück bisher über 500mal zu sehen gewesen, rund um die Welt wird es auf den großen Bühnen gezeigt. Wie kaum ein anderes Werk verdeutlicht „Onegin“, wo John Neumeier (der seinerzeit im Stuttgarter Ballett tanzte) seine Wurzeln hat, wodurch seine spätere Arbeit maßgeblich beeinflusst wurde.

„Onegin“, das ist die Geschichte der jungen Tatjana, einem scheuen, in sich gekehrten Mädchen, das lieber Bücher liest, als sich – wie ihre lebenslustige Schwester Olga – um ihr Äußeres und gleichaltrige Freunde zu kümmern. Anlässlich von Tatjanas Geburtstag bringt Olgas Verlobter Lenski seinen Freund Onegin mit. Tatjana ist von dem Lebemann und seiner hochmütigen Allüre sofort fasziniert und verliebt sich in ihn. Schwärmerisch schreibt sie ihm einen Brief und gesteht ihm ihre Zuneigung. Im Traum erlebt sie, dass Onegin ihre Liebe erwidert, und aus dem Mädchen wird über Nacht eine junge Frau. In der Wirklichkeit indes zerreißt Onegin ihren Brief vor ihren Augen, weist sie schroff zurück und macht stattdessen Olga den Hof. Das wiederum reizt den eifersüchtigen Lenski so sehr, dass er Onegin zum Duell fordert. Tatjana und Olga bleiben verzweifelt zurück. Zehn Jahre später ist Onegin, inzwischen vom Leben enttäuscht, am Hof des Fürsten Gremin eingeladen, dessen Frau Tatjana geworden ist. Als er sie wiedersieht, erkennt Onegin, dass er als junger Mann die einzige wahre Liebe seines Lebens verschmäht hat und versucht, Tatjana zurückzugewinnen. Doch sie, die mit Gremin eine durchaus glückliche Ehe führt, weist ihm die Tür, nachdem sie ihm in einem letzten großen Pas de Deux noch einmal ihre nie erloschene Liebe zeigt. Das ist ganz großes Drama – auch im Tanz.

John Cranko selbst schrieb zu seiner Art zu choreografieren (wie dem vorzüglichen Programmheft zu entnehmen ist): „Es kommt darauf an, über eine ganz spontane Bewegungssprache zu verfügen. (...) Der Choreograf ist wie ein Dichter, der seine Sprache kennen muss, ohne sich länger Gedanken über die Grammatik zu machen. Das klassische Ballett ist wie gutes Deutsch: ein Sprachsystem, das denjenigen, der es beherrscht, nicht einschränkt, sondern im Gegenteil befreit.“ Seinerzeit konnte er kaum ahnen, wie sehr seine Arbeit zum Befreiungsschlag für den Tanz wurde. Nach „Romeo und Julia“ 1962 war „Onegin“ das zweite abendfüllende Handlungsballett, das das „Stuttgarter Ballettwunder“ begründete. Es ist kein vertanztes Märchen, kein Stück mit abgehobener Handlung, sondern eine erstmals für den Tanz aufbereitete Umsetzung des Puschkin-Gedichtromans mit seinen elementaren, zeitlosen Themen, die Menschen schon immer bewegt haben und weiterhin bewegen werden: Liebe, Verzweiflung, Verzicht. Cranko bringt diese großen Gefühle dramaturgisch raffiniert komponiert zum Ausdruck - Ensembles, Soli und Pas de Deux wechseln sich ab, nie geht der Spannungsbogen verloren. Im Mittelpunkt stehen vier große Pas de Deux: Olga/Lenski, Tatjana/Onegin, Tatjana/Gremin, Tatjana/Onegin. Sie sind gespickt mit höchst komplizierten Hebungen, und sie sind bestimmt von einer fulminanten Dynamik und vor allem einer Expressivität, die es so vorher im Ballett noch nie gab. Cranko standen dafür in Stuttgart Charaktertänzer zur Verfügung, die wie kaum jemand zuvor über diese Ausdrucksstärke verfügten: Marcia Haydée, Birgit Keil, Marianne Kruuse, Ray Barra, Richard Cragun, Egon Madsen, Heinz Clauss. Gefühle als Tanz so intensiv auf die Bühne zu bringen, war neu in dieser Zeit – fristete Ballett damals doch eher ein Schattendasein, war allenfalls Tourneetheater mit Klassikern altbekannter Machart wie „Dornröschen“, „Nussknacker“ und „Schwanensee“, war schmückendes Beiwerk von Oper und Operette, aber keine ernstzunehmende eigene Sparte. Mit „Onegin“ gelang dem Stuttgarter Ballett beim USA-Gastspiel 1969 der große Durchbruch, der in Europa den Aufbruch in ein neues Zeitalter des Tanzes in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts markiert und auch den Grundstein legte für die Erfolgsgeschichte des modernen Tanzes. Cranko befreite das Ballett aus dem verstaubten Museum, in das es all die Jahre zuvor nach den gewagten Kreationen eines Vaslaw Nijinsky oder einer Isadora Duncan zu Beginn des Jahrhunderts verbannt worden war. Und Stuttgart wurde zur Wiege für viele Choreografen, die seither den europäischen Tanz maßgeblich geprägt haben: John Neumeier, Jiri Kylián, William Forsythe, Uwe Scholz, Renato Zanella, Christian Spuck, um nur die wichtigsten zu nennen.

Vor diesem Hintergrund ist John Neumeiers Schaffen zu sehen – und so rundet sich der Kreis, wenn er gerade anlässlich des 40-jährigen Jubiläums seiner Kompanie Crankos „Onegin“ auf den Spielplan setzt. John Neumeier ist nicht John Cranko, er hat ihn auch nie kopiert, aber ohne Cranko wäre er nicht das, was er heute ist. Und so schlägt dieser „Onegin“ den Bogen zu den Anfängen des Hamburg Balletts und damit auch des „Hamburger Ballettwunders“, denn nirgendwo auf der Welt gibt es einen Ballett-Intendanten, der 40 Jahre lang an einem Ort eine so prägende, kontinuierliche Aufbauarbeit geleistet und dabei ein so umfangreiches chorografisches Werk geschaffen hat. Es dürfte auch nur sehr wenige Kompanien auf der Welt geben, die mit einem gezwungenermaßen schon auf das Nötigste begrenzten Ensemble in der Lage sind, ein derart anspruchsvolles Werk wie „Onegin“ gleich in drei verschiedenen 1a-Besetzungen auf die Bühne zu bringen. Den Anfang machten Silvia Azzoni und Alexandre Riabko als Tatjana und Onegin, und sie ließen keinen Wunsch offen. Mit welchen Superlativen soll man ihre Kunst noch beschreiben, die von der ersten bis zur letzten Minute in Bann schlägt? Diese Intensität in der Darstellung, die phänomenale Wandlungsfähigkeit, die Reife im Ausdruck, die Präzision in den Schritten, all diese großartige Schönheit im Tanz. Sascha Riabko gibt den Onegin im 1. und 2. Akt so grausam unnahbar, so hochmütig-arrogant und so selbstverliebt in seine eigene Eitelkeit versponnen, dass man kaum versteht, wie sich Tatjana, die ja zu wahren Gefühlen fähig ist, ausgerechnet in ihn verlieben kann. Und doch: Er ist gleichzeitig auch einfach hinreißend schön anzusehen in seinem Selbstbewusstsein, seiner Eleganz, seiner Souveränität. Und im 3. Akt ist er dann ein so herzzerreißend Liebender, ein so bitterlich Bereuender, dass man wiederum kaum versteht, wie Tatjana es übers Herz bringt, ihn zurückzuweisen. Dass Sascha Riabko all die technischen Schwierigkeiten, die Crankos Choreografie bereithält, mit Bravour meistert, versteht sich bei ihm von selbst. Und dann die Tatjana von Silvia Azzoni: dieses in seine Bücherwelt versponnene Mädchen, das seine Gefühle für den Lebemann und damit die Macht der Liebe entdeckt, die verzweifelt versucht, den ungestümen Lenski vom Duell abzubringen. Ihre erwachsene, liebevolle, aber doch in sich gezügelte Hingabe an den Gatten als Fürstin Gremin. Und dann ihre Zerrissenheit im letzten Pas de Deux, ihre in keiner Weise mehr gezügelte Hingabe an diese Liebe, die dann doch von der Treue zu ihrem Mann besiegt wird. Ihre Einsamkeit und abgrundtiefe Verzweiflung über den Verlust dieser Liebe im Schlussbild. Silvia Azzoni durchlebt all diese großen Gefühle mit einer solchen Intensität, dass nie der Eindruck aufkommt, sie spiele diese Rolle nur – sie IST Tatjana. Darin ist sie der wunderbaren Marcia Haydée absolut ebenbürtig – und technisch sogar oft überlegen. Einmal mehr stellt sie hier unter Beweis, dass sie eine der größten Charaktertänzerinnen unserer Zeit ist, im Zenit ihres Könnens.

Thiago Bordin gibt einen wunderbar lyrischen Lenski, mit einer phantastischen Linie, dazu noch gesegnet mit einem bildschönen, wohlproportionierten Körper. Im 2. Akt, vor dem Duell mit Onegin, in diesem in sich gekehrten Solo, verströmt sein Lenski eine anrührende Melancholie, eine Todesahnung, aus der der Trotz des in seiner Liebe Gekränkten wie eine Flamme auflodert – auch das ist ganz große Tanzkunst. Leslie Heylmann ist Olga – frisch, anmutig, übermütig, ein junges Ding, das sich nichts dabei denkt, mit Onegin zu flirten, hat sie ihr Herz ja schon an Lenski verschenkt. Onegin – das ist doch nur Geplänkel. Und so kann sie gar nicht verstehen, dass Lenski davon so in seiner Ehre gekränkt ist und Onegin zum Duell fordert. Leslie Heylmann gibt diese Olga durchaus glaubwürdig und technisch untadelig – da sitzt jede Geste, jeder Schritt. Das ist alles ganz prima getanzt, und doch lässt es einen seltsam unberührt. Ihr Lächeln ist wie festgezurrt, es ändert sich nie, es hat keine Nuancen, es ist immer gleich – ganz egal, ob sie mit ihren Freundinnen herumalbert oder ihre jugendliche Verliebtheit in Lenski zeigt. Es wäre so schön, wenn sie diese Maske fallenließe und die eigentliche Leslie dahinter zum Vorschein bringen würde – die verletzliche, die zarte, die empfindsame, die wandelbare.

„Onegin“ wäre kein so großer Erfolg ohne das grandiose Bühnenbild von Jürgen Rose, das für die jetzige Aufführungsserie (in Zusammenarbeit mit dem Royal Ballet in London) neu erstellt wurde, und der Meister selbst kam dafür in die Hansestadt, um die Ausstattung abzunehmen. Kaum einer versteht es wie er, in Kulisse und Kostüm ein Stück atmosphärisch noch zu verdichten – schon allein das macht das ganze mehr als sehenswert. Auch die Musik – ein Arrangement von Kurt-Heinz Stolze aus verschiedenen Werken von Peter Tschaikowsky – verschmolz mit der Bühne bei der Premiere endlich mal wieder zu einem Gesamtkunstwerk, denn die Philharmoniker wurden geleitet von James Tuggle, dem erfahrenen Musikdirektor des Stuttgarter Balletts, der weiß, wie er Tanz zu dirigieren hat: immer mit einem Blick auf die Bühne und einem zu seinen Musikern. Er ließ das Orchester bei den großen dramatischen Szenen so richtig toben, und ebenso verstand er sich darauf, ihnen ein einfühlsames Piano und Pianissimo zu entlocken.

„Onegin“ ist in Hamburg insgesamt fünfmal zu sehen: am 4. und 16.12. noch einmal in der Besetzung mit Azzoni/Riabko und Heylmann/Bordin, am 7. und 10.12. mit Hélène Bouchet und Carsten Jung als Tatjana/Onegin sowie Florencia Chinellato und Alexandre Trusch als Olga/Lenski. Am 12.12. sind dann Anna Laudere und Edvin Revazov bzw. Mariana Zanotto und Lennart Radke in diesen Rollen zu sehen. Wer noch eine der Restkarten zu ergattern vermag, darf sich glücklich schätzen.

Kartentelefon: 040-356868 oder im Internet unter www.staatsoper-hamburg.de

Veröffentlicht am 04.12.2012, von Annette Bopp in Kritiken 2012/2013

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