KRITIKEN 2009/2010



Hamburg

NARZISS VERGEHT, EIN GROßES TALENT ERSCHEINT

Welturaufführung „Die zerbrochenen Spiegel“ von Klaus Mann mit Sasha Riva


  • Sasha Riva Foto © Anja Beutler, [URL]www.anjabeutler.de[/URL]
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Volle 84 Jahre lang ruhte das Libretto in verschiedenen Schubladen und wartete auf seine Entdeckung. Am 10. Juni 2010 in der Hamburger Hochschule für Bildende Künste am Lerchenfeld war es endlich soweit: „Die zerbrochenen Spiegel“, eine Tanzpantomime in sieben Szenen über den Mythos des Prinzen Narziss von Klaus Mann, erlebte ihre Welturaufführung. Sie ist integriert in das Festival „Himmel auf Zeit“ über Kunst und Kultur der 20er Jahre in Hamburg (www.himmelaufzeit.de), deren Schirmherr Ulrich Tukur ist.

Konzipiert und inszeniert hat die Realisierung die Hamburger Choreografin und Kuratorin Nele Lipp, und sie hat es eingebettet in eine Ausstellung „In zerbrochenen Spiegeln“. Zu jeder Aufführung gehören geführte Rundgänge durch die Ausstellung, die in sieben liebevoll und kreativ ausgestatteten Kabinetten einen Einblick gibt in die Hamburger Tanzszene der 20er Jahre, in der sich Klaus Mann anlässlich seines Aufenthaltes 1926/27 bewegte. Auch Oda Schottmüller, die mit Klaus Mann zusammen die Odenwald-Schule besuchte, ist ein Teil der Ausstellung gewidmet (eine Leihgabe der Gedenkstätte Deutscher Widerstand Berlin).

Der Sohn des großen deutschen Schriftstellers hatte „Die zerbrochenen Spiegel“ 1926 als junger Mann geschrieben – die Aufführung scheiterte damals jedoch an der Hamburger Tanz-Hausmacht um Rudolf Laban. Aus der Laban-Schule ging die heutige Lola-Rogge-Schule hervor, und so war es nur konsequent, dass Schülerinnen der heutigen Leiterin Christiane Meyer-Rogge-Turner den tänzerischen Rahmen gaben für das große 40-minütige Solo des Narziss (choreografiert und getanzt von Sasha Riva), das Herzstück der „Zerbrochenen Spiegel“.

Sie setzen – auf drei Prospektwände projiziert – die Handlung um, die Klaus Mann in seinem Libretto vorgegeben hatte: Aufgescheucht wie eine Hühnerschar flattern die Untertanen am Königshof durcheinander, irgendetwas Bedrohliches scheint sich anzukündigen. Dessen ungeachtet stolziert Prinz Narziss durch das Gemenge, lässt sich auf seinem Thron nieder, schaut gelangweilt dem Gemenge und einigen Tänzen zu, um sich dann sich selbst zuzuwenden. Sein selbstverliebter Tanz wird jedoch jäh unterbrochen durch Massen von Arbeitern, die die Höflinge vertreiben, eine rote Fahne spießt Narziss’ königlichen Mantel auf (eine Anspielung auf die Geschehnisse der Weimarer Republik). Verstört und verständnislos tritt Narziss in einen Dialog mit einem rätselhaften Alten (eine Anspielung auf den Seher Tiresias aus Ovids Metamorphosen) und bleibt am Schluss gebrochen zurück.

Es war ein genialer Einfall Nele Lipps, die Massenszenen und die Rahmenhandlung über im Studio gefilmte Sequenzen zuzuspielen und nicht real darzustellen (und die Rogge-Schülerinnen tanzen sie ebenso kongenial). So kann sich die Aufmerksamkeit auf Narziss und seinen Tanz konzentrieren. Sasha Riva, Schüler der 7. Klasse in der Ballettschule John Neumeier, tritt hier in einen Dialog mit den Improvisationen des Pianisten (am Flügel: Dominique Goris), mit dem Filmsequenzen und mit seinem eigenen Gegenüber, das teilweise live als Video auf den mittleren Prospekt projiziert wird.

Hochgewachsen, fesselnd in seiner Ausdrucksstärke, entwickelt er eine Charakterstudie des selbstverliebten Prinzen und schlägt mit gebieterischer Haltung und androgyner Eleganz das Publikum in seinen Bann. Wie dieser 19-Jährige Italiener, der erst seit zwei Jahren eine Ausbildung im klassischen Tanz erhält und sich vorher dem Hip-Hop verschrieben hatte, die Figur des Narziss charakterisiert, die ja auch ein Spiegel Klaus Manns ist – das ist atemberaubend. Er zeigt in Mimik und Gestik, in Haltung und Tanz eine weit über sein Alter hinausreichende Reife und ein außergewöhnliches Talent – tänzerisch, darstellerisch, choreografisch.

Sasha Riva verleiht Narziss eine Würde, aber auch eine tiefe Tragik, eine zu Herzen gehende Einsamkeit. Schicht für Schicht löst er sich aus seinem Panzer aus Hochmut und Arroganz, zeigt er Verzweiflung und Verstörung, um im nächsten Moment wieder verzückt und hingerissen zu sein von sich selbst. Immer wieder versucht er, sich die Maske vom Gesicht zu reißen, erschrickt über sein Spiegelbild, ist gleichzeitig fasziniert davon, kommt nicht davon los, ist völlig in sich und seiner Selbstliebe gefangen. Alle Kontraste spiegeln sich da: Grandezza und Zerbrechlichkeit, Schönheit und Zerstörung, Hochmut und Zerfall.

Das ist einfach nur grandios.

Als sein raffinierter Mantel aus Aluminiumstäben – eine Allegorie auf die vielfachen Spiegelungen, mit denen sich Narziss umgibt, aber auch auf seine tiefe Einsamkeit – zerbricht und mit ihm Lug und Trug, braucht Sasha Riva seine Kleidung nicht abzulegen, um all seiner schützenden Hüllen beraubt wie nackt dazustehen. Gebrochen sinkt er zum Schluss in sich zusammen – in sich selbst verschränkt, das Gesicht hinter dem Spiegel der Hände verbergend. Wer noch Gelegenheit hat, eine der Vorstellungen zu besuchen, sollte sich diese Performance und auch die Ausstellung keinesfalls entgehen lassen.

Ausstellung bis 19. Juni, 12-17 Uhr (Eintritt gegen Spende); Vorstellungen am 11., 12. und 13. Juni (jeweils 19 und 21 Uhr) sowie am 17. Juni (19 Uhr), Eintritt 20 Euro (ermäßigt 15 Euro).

Kartenvorbestellung unter karten@koinzi.de oder direkt an der Abendkasse in der Aula der Hochschule für Bildende Künste, Lerchenfeld 2, Hamburg.

Buch zur Ausstellung und Aufführung, herausgegeben von Nele Lipp und Uwe Naumann, peniope Verlag

(www.peniope.de), 10 Euro.

Veröffentlicht am 11.06.2010, von Annette Bopp in Kritiken 2009/2010

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Kommentare zu "Narziss vergeht, ein großes Talent erscheint"



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