KRITIKEN 2009/2010



Stuttgart

DER SANFTE UNERBITTLICHE

Das Stuttgarter Ballett tanzt Kenneth MacMillans „Lied von der Erde“ und „Requiem“


Warum nur kann das heute kein Choreograf mehr – große Musik in ein großes Ballett umsetzen, voll Respekt und doch als kongenialer Interpret? Einfach und ruhig, ohne einen Schritt zu viel, versinnbildlicht Kenneth MacMillans „Lied von der Erde“ die tiefen Gedanken in Gustav Mahlers Musik, dieses „große Lebewohlsagen“, die Ergebung und die ruhige Akzeptanz des Todes. Zusammen mit MacMillans „Requiem“ nahm das Stuttgarter Ballett die epochale, 1965 entstandene Choreografie nun nach langer Zeit wieder ins Repertoire, in einer sorgfältigen Einstudierung, die ihrerseits durch den Respekt vor der großen Tradition der beiden Stücke in Stuttgart besticht. Immer wieder mischt sich im Mahler-Ballett der „Ewige“ mit seiner weißen Maske unter die Menschen, steht wie ein Schatten neben ihnen oder stimmt unmerklich in ihre Schritte ein, um sie dann mitten im Leben zu fällen, triumphierend hinauszutragen oder traurig an der Hand zu nehmen. Erinnern seine angewinkelten Knie und die abgeknickten Füße manchmal an eine grelle Clownsfigur, so berührt beim Wiedersehen mit MacMillans Stück erneut, wie sanft, ja freundlich der Choreograf den Unerbittlichen am Ende erscheinen lässt. Und wie klar, wie rein und stilisiert all die Bilder dieses Balletts sind: Menschen schwanken wie Schilfrohre im Wind, einsam schreitet die Frau, zentrale Gestalt des letzten Satzes, durch die Menge wie durch eine bereits hinter ihr liegende Welt. Nie wird die bildhafte Choreografie pantomimisch oder gar pathetisch, vollkommen natürlich gehen die fernöstlichen Einflüsse und die erdverbundenen, schleifenden Schritte im Vokabular des klassischen Balletts auf. Vor dem lichten Blau des Hintergrunds zeigen uns die gedämpften Naturfarben der Trikots gleichzeitig Frühling und Herbst, Jugend und Vergehen; wie düster muss MacMillans Stimmung gewesen sein, als er sein Ballett später in London ganz in Schwarz hüllte. „Das Lied von der Erde“ war eigentlich fürs Royal Ballet gedacht, die Leitung des Opernhauses in Covent Garden verbot dem Choreografen aber, derart ernste Musik für etwas so Leichtgewichtiges wie Tanz zu verwenden - genauso wie sie John Cranko verbot, ein „Onegin“-Ballett für Margot Fonteyn und Rudolf Nurejew dort herauszubringen, wie die kürzlich in England erschienene MacMillan-Biografie von Jann Parry enthüllt. Londons doppeltes Pech, Stuttgarts Glück: seit der Premiere im November 1965 gehört das ausdrucksstarke „Lied von der Erde“ zu den identitätsstiftenden Werken der Stuttgarter Kompanie. „Das Thema des Balletts ist sehr einfach“, so MacMillan: „Ein Mann und eine Frau; der Tod holt den Mann; beide kehren zu ihr zurück und am Ende des Balletts erkennen wir, dass im Tod das Versprechen auf Erneuerung liegt“. Mit dem bewegenden Schluss, der so etwas wie getanzte Philosophie ist, wurde das Werk für den damals schon recht berühmten MacMillan „das erste Ballett, mit dem ich zufrieden war“. Detailbesessen und mit spürbarer Liebe hat die die frischgebackene Tanzpreisträgerin Georgette Tsinguirides das Ballett neu einstudiert, großartig besetzt bis in die Corps-de-ballet-Gruppen. Wenn Filip Barankiewicz die Tragik seines Abschieds fast zu spät ermisst, wenn Maria Eichwald das letzte, hauchdünne Band zwischen der sorgfältig ausziselierten, leicht wie ein Blatt über die Bühne wehenden Ballerina und der großen dramatischen Tänzerin noch nicht ganz lösen kann, wenn dem souveränen, alles beherrschenden Friedemann Vogel als Ewigem noch das Bedrohliche der „wild-gespenstischen Gestalt“ fehlt, so weiß man genau, dass Reid Andersons kluge Tänzer diese Nuancen in den nächsten Aufführungen aus der Musik heraus erspüren werden. Für diese Besetzung jedenfalls kommt das Stück genau zum richtigen Zeitpunkt. Und es wird in Stuttgart durchaus besser getanzt als bei der letzten Wiederaufnahme in MacMillans Heimatkompanie, dem Royal Ballet in London (was leider für die zweite Besetzung in Stuttgart nicht gilt, die am Sonntag noch mit schweren Koordinationsproblemen kämpfte). Warm und frei strömend, mit innigen Pianotönen interpretiert Mezzosopranistin Michaela Schuster die wundervolle Lyrik von Hans Bethges Texten, während der Tenor Johan Weigl manchmal wenig Chancen gegen das volle Mahler-Orchester hat. Nicht ganz so erfolgreich tanzen die Solisten des „Requiems“ gegen die übermächtigen Bilder ihrer Rollenvorgänger an – stark, manchmal zu stark sind die Erinnerungen an die Urbesetzung, die diese zwei Stücke jahrzehntelang in Stuttgart geprägt hat. Cranko und MacMillan hatten sich 1970 über dem Strindberg-Ballett „Fräulein Julie“ zerstritten, dennoch beschloss MacMillan nach Crankos Tod, ein „Requiem“ für den Freund zu choreografieren - und stieß in London erneut auf Widerstand, dieses Mal aus religiösen Gründen. Wieder kam er nach Stuttgart, wo die neue Direktorin Marcia Haydée ihn mit offenen Armen empfing und als tröstende Engelsfigur im Mittelpunkt des Totengedenkens stand. Als das „Requiem“ drei Jahre nach John Crankos Tod uraufgeführt wurde, da musste die verwaiste Kompanie keine Trauer nachempfinden - sie stießen wirklich ihre Fäuste zum Himmel, sie sahen wirklich zu Marcia Haydée als rettendem Engel und fürsorglicher Mutter auf. Zu Gabriel Faurés Musik ist „Requiem“ ein in seiner Anklage und Trauer ergreifendes, aber gleichzeitig ein schwieriges Ballett, mit spröden, untänzerischen, in sich zerquälten Solos, die damals vollkommen von der Ausdrucksstärke ihrer Interpreten lebten. Fast unheimlich schimmern Marcia Haydées schwerelose Arme, ihre wissenden Blicke durch die Choreografie des zarten „Pie Jesu“ mit seiner kindlichen Hoffnung auf Rettung – diese unmittelbare Wahrhaftigkeit hat Sue Jin Kang nicht, auch Jason Reilly, Alicia Amatriain, Marijn Rademaker und Jiří Jelinek tanzen mit all ihrer Ausdruckskraft gegen eine Choreografie an, deren Schritte lange nicht so allgemeingültig sind wie die im „Lied von der Erde“. Umso mehr muss man auch diese respektvolle, nie übertriebene Einstudierung bewundern: Nach vierzig Jahren liebt und ehrt das Stuttgarter Ballett Kenneth MacMillans Werke genau wie damals. www.stuttgart-ballet.de

Veröffentlicht am 30.11.2009, von Angela Reinhardt in Kritiken 2009/2010

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